Es kam eine Ankündigung aus Amsterdam: Ein bunter Prospekt der Buchreihe des amerikanischen Verlages „Time-Life“, die Leben und Werk und Zeit der Maler und Bildhauer behandelt, angefangen bei Michelangelo, endend bei Picasso. Ich habe die Time-Life-Bücher immer gern gehabt. Aber soeben erhalte ich einen Hinweis, ich möge den vervielfältigten Begleitbrief zum Prospekt aufmerksam lesen. Nun – so dachte ich mir –, das wird wieder so ein Schlag auf die Reklametrommel sein, wie die Amerikaner es erfunden und die Europäer es ihnen mittlerweile nachgemacht haben. In der Tat kommen über Michelangelo alle Superlative vor, die denkbar sind: „Größter aller Künstler“, „Strahlendster Stern“ und so weiter. Aber das Beste ist die Einleitung der Buchanpreisung.

„Die Malerei und die Kunst des Meißels haben mich zugrunde gerichtet. Es wäre besser gewesen, ich hätte in meiner Jugend gelernt, Schwefelhölzchen herzustellen.“ So das rot getippte Motto des Briefe textes, dem sich knallhart – so lautet wohl der Fachausdruck – folgender Satz anschließt: „Lieber Leser, diese bitteren Worte sprach Michelangelo Buonarotti, einer der vielseitigsten Künstler, den die Welt je kannte, auf dem Gipfel seines Ruhms.“

So und nicht anders den Leser neugierig zu machen und seine Anteilnahme zu wecken, muß wohl den Erfahrungen einer langen, erfolgreichen Werbepraxis entsprechen; es geht dabei so „menschlich“ zu, und man wird sich das Rezept merken müssen.

„Die immer wiederkehrenden Ritte von Straßburg nach Seesenheim haben mir vorzeitig einen Bandscheibenvorfall eingetragen. Es wäre besser gewesen, ich hätte in meiner Jugend gelernt, Motorrad zu fahren.“ Diese bitteren Worte sprach Johann Wolfgang von Goethe, der strahlendste Stern seiner Epoche.

Auch auf ihn ist übrigens der Satz des Werbetextes für Michelangelo anwendbar: „Als Mensch jedoch war er kompliziert, eine neurotische, gespannte Persönlichkeit, immer auf der Suche nach dem tieferen Sinn des Lebens.“

„Die alljährlichen Wiederholungen meiner Kantaten und Passionen in den Leipziger Hauptkirchen und die damit verbundenen Chor- und Orchesterproben haben mich viel Zeit gekostet, die ich für neue Kompositionen besser hätte verwenden können. Und wäre es nur dies! Sie haben meine Geduld erschöpft und meine ohnehin neurotische Persönlichkeit zugrunde gerichtet. Es wäre besser gewesen, ich hätte in meiner Jugend gelernt, per Mikrophon Bandaufnahmen zu machen, die per Lautsprecher dann jeweils hätten abgenuddelt werden können.“ Diese bitteren Worte sprach Johann Sebastian Bach, der vermutlich größte aller Künstler.

„Wer war er? Er kannte Augenblicke höchster Verzückung, aber auch Perioden tiefster Verzweiflung.“