Das ist noch immer der beste und legitimste Anstoß zum Schreiben: das Gefühl, etwas erfahren zu haben, was sich lohnt weiterzugeben, und das Bedürfnis, es so sagen zu können und zu müssen, daß den Lesern dabei etwas einleuchtet. In dem Erstling des dreißigjährigen

Hugo Dittberner: „Das Internat“, Roman; Luchterhand Verlag, Darmstadt, 1974; 180 19,80 DM

blitzen diese Erfahrung und dieses Bedürfnis unübersehbar auf. Vielleicht sogar ein bißchen zu stark, als daß man es immer ganz glauben möchte; als daß man es nicht manchmal als überzogen oder gar zu forciert der Unsicherheit abgetrotzt betrachten würde.

Ungewollt stellt sich ein leichter, manchmal sogar deftiger Sarkasmus ein, wenn Dittberner sich in die Schriftstellerpose wirft, selbst wenn sie das eine oder andere Mal durch Selbstironie gemildert ist: „Das gibt ein herrliches Gefühl: Du stehst auf von der Maschine, drei Seiten Prosa fertig: voll, kritisch, spannend von deinem Leben in deiner Klasse in deiner Erinnerung, und dann legst du mit deinem Zivilleben los...“

Doch die Pose ist, wie immer, nur eine Schutzmauer, die die Banalität dessen verdecken will, was für den Autor dieses autobiographischen Romans das Wichtigste ist: sein Leben. Gelegentliche Ironie, Stilisierung, Reflexion, mit denen er den Bericht seiner Jugend im Internat – einer Jugend, wie sie so oder doch ähnlich fast jeder seiner Generation erlebt hat, auch ohne in einem Internat gewesen zu sein – unterbricht, ordnet, formt, zielt darum im Grunde auf etwas anderes: auf die Möglichkeit von Realismus, der ehrlich und authentisch sein, aber nicht seine Figuren hämisch preisgeben möchte.

Die Situation kehrt ein paarmal wieder: „Ich habe lange überlegt, ob ich es aufschreiben soll – und ob ich es wahrheitsgemäß aufschreiben soll, denn es gibt Leute, denen tut die Wahrheit weh. Deshalb weiß ich nicht, ob ich bei der Wahrheit bleiben werde.“ Die Crux des Autobiographischen. Trotzdem, bei Dittberner ist nicht jene rücksichtslose Ehrlichkeit das Problem; denn die zeugt noch immer gegen sich selber durch die Plattheit, die sich in der Sprache – und nicht nur in ihr – niederschlägt: solcher Realismus ist das stärkste Argument gegen pseudorealistisches, nachahmendes Schreiben. Denn die Wiederholung der Oberfläche prägt auch die Komposition. Einmal registriert Dittberner dies sogar mit dem Satz: „Meine äußere Geschichte hat sich bisher durchgesetzt

Mit zunehmender Reflexion, die die anfangs eingenommene Pose allmählich ersetzt, geht es um anderes als diese äußere Geschichte, die sich allzu oft in den Vordergrund drängt und doch immer wieder an einem entscheidenden Punkt hängenbleibt. Immer wichtiger werden in diesem Zusammenhang jene paar Stellen, wo Dittberner sich weigert, deutlicher zu werden; wo er ein Loch markiert, eine zu weit gehende Äußerung zurücknimmt: „Aber dieser Satz soll nicht gelten.“ Denn eben da geht er weiter als mit all seiner Ehrlichkeit; berührt er Gefühlsbereiche, die seiner naßforschen, rotzigen Jünglingssprache sonst verschlossen bleiben.

Er muß es selber gemerkt haben. Immer offenkundiger reflektiert er sein Schreiben nicht mehr als Schriftsteller-, sondern als Sprachproblem. Und je weiter er darin fortschreitet, desto kritischer wird er gegen jenen Realismus, auf den er sich zu Beginn festgelegt hat. Peter Buchka