Als Helmut Schmidt während der Großen Koalition Fraktionschef der SPD war, schrieb er in einem Max Weber nachempfundenen Aufsatz über „Politik als Beruf“: „Persönliche Ausstrahlung ist nicht machbar, sie entzieht sich, Gott sei Dank, auf die Dauer der heute grassierenden Image-Pflege.“

Manche Leute wären trotzdem dankbar, wenn es anders wäre. Zu ihnen gehören unter den Ministerpräsidenten sicherlich Alfred Kubel und Franz-Josef Röder – der eine Regierungschef von Niedersachsen, der andere im Saarland. Beide sind alte Kämpen im föderalistischen Geschäft. Alfred Kubel hatte den Landesregierungen von Niedersachsen schon seit 1946 in wechselnden Ressorts als Minister gedient, ehe er 1970 Ministerpräsident wurde. Franz-Josef Röder ist mit fünfzehn Amtsjahren der dienstälteste Regierungschef in der Bundesrepublik. Doch beiden mangelt es an jenem Glanz, der einen Landesfürsten von einem Oberbürokraten unterscheidet.

Alfred Kubel legt auf diesen Unterschied allerdings auch keinen Wert. Als er sich einmal in einer Gemeinde in das Goldene Buch eintragen sollte und dort das Wort „Landesvater“ las, strich er es durch und schrieb „Politmanager“ darüber. Röder dagegen hat das Landesvaterimage im Saarland zwar bis zur Neige ausgeschöpft, aber ihm fehlt jene Ausstrahlung, die ihm Einfluß über die Landesgrenzen hinaus sichern würde. Beide sind Einzelgänger in ihrer Partei – Kubel in der SPD, Röder in der CDU. Beide sind 1909 geboren und heute in einem Alter, in dem es ihnen gleichgültig ist, ob sie als autoritär gelten. Beide erwecken stets den Anschein, als wüßten sie, was richtig und was falsch ist. Dabei sind sich der Sozialist Kubel und der Konservative Röder im Geiste fremd. In ihren politischen. Grundüberzeugungen verbindet sie so viel miteinander wie den Stamokap-Flügel der Jungsozialisten mit Helmut Schmidt.

Alfred Kubel regiert das zweitgrößte Land der Bundesrepublik. Nur Bayern ist größer als Niedersachsen. Es streckt sich von der Nordseeküste bis zum Harz, bedeckt fast ein Fünftel des Territoriums der Bundesrepublik und umfaßt die ehemaligen Länder Hannover, Braunschweig, Oldenburg und Schaumburg-Lippe. Zu den niedersächsischen Realien der Gegenwart gehört, daß es eines der ärmsten Länder ist. Vor allem die 560 Kilometer lange Grenze zur DDR hat Randgebiete geschaffen, die die wirtschaftliche Misere des Landes in Permanenz garantieren. Gemessen am Bruttoinlandprodukt je Einwohner steht Niedersachsen in der Rangfolge der Bundesländer an zehnter Stelle und wird nur noch von Schleswig-Holstein übertroffen.

Diese Notlage gehört dazu, um zu verstehen, warum die Niedersachsen – von bösen Zungen werden sie auch die „Fußkranken der Völkerwanderung“ genannt – bei der Regierung ihres Landes fast dreißig Jahre lang auf Alfred Kubel nicht verzichten konnten. Als letzter braunschweigischer Ministerpräsident repräsentierte er in den verschiedenen Landeskabinetten zwar auch den Braunschweiger Flügel; vor allem aber galt er als der Mann, der aus jedem Ressort noch Goldkörner herauszuschlagen wußte – und das sogar noch als Landwirtschaftsminister (1959 bis 1965). Er propagierte neue Wege bei der Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte und versuchte den Problemen der niedersächsischen Bauern mit dem kühlen Gehirn eines Bankkaufmanns beizukommen. Unter seiner Ägide wurden Betriebe, die rentabel zu bewirtschaften waren, umgeschuldet und saniert. Dafür versprach Kubel kleinen Landwirten eine Rente, wenn sie ihren Betrieb aufgaben.

Auf ähnlich geradlinige Art betreibt Kubel heute die Wirtschaftsansiedlung in Niedersachsen. Weil er in zentralen Orten klotzen und nicht kleckern will, macht es ihm nichts aus, andere Gemeinden, die auch gern etwas von dem Segen haben würden, leer ausgehen zu lassen. Dabei stößt er sie notfalls so vor den Kopf, daß seinen Parteifreunden, die sich nichts außer einer sicheren Mehrheit bei der nächsten Wahl wünschen, kalte Schauer den Rücken hinunterlaufen. Doch da ist Kubel der konsequente Vollstrecker sozialdemokratischer Politik. Jedem ein bißchen zu versprechen, um keinem weh zu tun, wäre die Methode der CDU.

Eine Spur von Schadenfreude kann sich Alfred. Kubel jedoch auch nicht verkneifen, wenn er die Genossen zetern hört: Er braucht sie nicht mehr. Nur. weil sie ihn inständig baten, kandidierte er bei der letzten Landtagswahl noch einmal, unter der Bedingung, daß bis zur Mitte der Legislaturperiode – Anfang des kommenden Jahres – ein Nachfolger für ihn gefunden würde. Wohlgefällig meint Kubel nun: „Wenn man mich schon gezwungen hat, unter Verzicht auf meine persönlichen Wünsche noch einmal Ministerpräsident zu werden, so muß sich das so auszahlen, daß ich meine andere Meinung noch unabhängiger vortrage als bisher.“