Ricarda Huch: „Autobiographische Schriften, Nachlese, Register – Gesammelte Werke“, elfter Band. Die Ausgabe der „Gesammelten Werke“ Ricarda Huchs, herausgegeben von Wilhelm Emrich, 1966 begonnen, liegt mit Band 11 nun abgeschlossen vor. Der letzte Band enthält außer einer Nachlese, dem Anhang und einem umfangreichen Bildteil insgesamt 450 Seiten autobiographischer Prosa und bietet damit eine fast lückenlose Lebenschronik der Dichterin. Selbst Biographen, Kenner und Freunde Ricarda Huchs haben ihrer gelegentlichen Äußerung geglaubt, sie habe nichts über sich und ihr Leben geschrieben, da sie sich selbst zu unwichtig vorgekommen sei. Aber das Rätsel der eigenen Existenz ist für Autoren ihres Ranges eine unvermeidbare Herausforderung. Der Bereitschaft Marietta Böhms, den gesamten handschriftlichen Nachlaß ihrer Mutter zur Verfügung zu stellen, sind nunmehr Funde zu danken, die ein ganz neues Licht auf den autobiographischen Hintergrund ihrer Romane und Schriften werfen – und zugleich auf deren formale Problematik. Die Aufzeichnungen über ihre Kindheit und Jugend, ihre Ehen (vor allem die mit Ermanno Ceconi), über ihr Leben in Braunschweig, Triest, München und Padua – diese Zeitstudien, Tagebücher und Porträts schlagen an Anschaulichkeit, Realismus und sprachlicher Genauigkeit alles, was da in verstellter, überhöhter und poetisierter Form in ihre frühen Romane eingegangen ist. Der Nachtragsband macht auch einiges gut, was in den vorhergehenden Bänden versäumt worden ist. Allerdings ist angesichts eines Werkes von annähernd zwölftausend Seiten der Anmerkungsteil dieses Schlußbandes mit 47 Seiten sehr kümmerlich ausgefallen. Einige ihrer Zeitgemälde, ihrer historisch-biographischen Darstellungen und die Grenzen der Geschichtsschreibung überschreitenden Epen bedürften heute wenigstens eines kurzen, auf Quellen verweisenden Kommentars. Es ist zu hoffen, daß sich der Verlag einen Ergänzungsband einfallen läßt, der die kritische Adaption dieser nun fast ins Klassische entrückten Schriftstellerin erleichtert. (Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1974; 824 S., 36,– DM.)

Martin Gregor-Dellin