Von Wolfram Siebeck

Vor einigen Tagen werde ich auf der Straße mit einem Herrn bekannt gemacht, der unterm Arm ein kleines Köfferchen trägt. Von einem Fremden, mit dem man nur zufällig zusammengetroffen ist, erwartet man vielleicht eine Floskel über das Wetter oder ein „Herr Sieberg? sind Sie verwandt mit...?“ Doch nicht dieser! Er öffnet sein Köfferchen und fragt mich: „Woll’n Sie’ne Davidoff?“

Eine Davidoff (dies für jene Leser, die in der großen Welt nicht so recht Bescheid wissen) ist eine Zigarre; und zwar unter den Zigarren das, was ein Rolls-Royce unter den Autos ist oder ein Lafite-Rothschild unter den Weinen. Eine Davidoff ist länger, runder und fester als die meisten anderen Zigarren und ungefähr so kostspielig wie ein Go-Go-Girl nach Dienstschluß. Herr Davidoff ist ein Zigarrenhändler aus Genf, der sich den Alleinvertrieb dieser edlen Havannas gesichert hat. In seinem Laden haben anspruchsvolle Kunden Schließfächer wie unsereiner bei der Post. Darin finden sie immer die schönsten Exemplare der neuesten Ernte bei gleichbleibender Temperatur und Luftfeuchtigkeit. So mancher, der sein Haus an der Elbchaussee mit der beiläufigen Bemerkung verläßt, „Mal eben eine Zigarre holen gehen“, nimmt dazu den Privatjet nach Genf.

Von dieser Sorte Zigarren war das Köfferchen meiner neuen Bekanntschaft gesteckt voll. Wer will mir da verübeln, daß ich skrupellos hineingriff und mir eine rausangelte?

Nun bin ich aber kein, Zigarrenraucher, und deshalb war das so unsinnig, als schenkte man einem Fußfallfan eine Karte für das „Endspiel“ von Beckett. Zwar benahm ich mich zunächst noch ganz korrekt. Ich nahm die Zigarre in beide Hände, als sei sie aus purem Gold, und zog sie von rechts nach links und dann von links nach rechts an meiner Nase vorbei. Sodann machte ich mich unverzüglich daran, geeignetes Verpackungsmaterial zu finden. Denn eine Zigarre dieser Klasse dürfen Sie ungeniert mit nach Hause nehmen. Davidoffs raucht man nach dem Essen in einem braunen Ledersessel, und die Fenster müssen dabei geschlossen bleiben, damit die Nachbarn nicht vor Neid zerplatzen.

„Geeignetes Verpackungsmaterial“ bedeutet übrigens, daß fast alles, was sich zum Verpacken von Zigarren eignet, für eine Davidoff ungeeignet ist. Ich aber wickelte sie in eine Boulevardzeitung ein und transportierte sie zusammen mit verschiedenen Viktualien im Einkaufskorb; rauchte sie zwar nach dem Essen, saß aber auf dem Stuhl. Einige Züge lang gab mir die atemlose Spannung meiner gaffenden Zuschauer das Gefühl von Distinktion sowie die Möglichkeit, schöne Rauchringe zu blasen, doch dann fiel mir die Asche ins Weinglas und später aufs Tischtuch. Dreimal mußte ich die Zigarre neu anzünden, und am nächsten Morgen hatte ich eine dicke, verbrannte Zunge wie damals, als ich vergeblich versuchte, mich ans Pfeifenrauchen zu gewöhnen. Moral: Manchmal ist es eben schwer, ein Mann von Welt zu sein. Oder, wie schon die alten Griechen sagten: Hüte dich vor dem Fremden mit dem kleinen Köfferchen!