Ohne stärkeren Informationsaustausch sind auch dem Wachstum des Ost-West-Handels Grenzen gesetzt

Deutsche und Sowjets verstehen sich immer dann noch am besten, wenn es ums Geschäft geht. Während sich auf politischem und kulturellem Gebiet der Fortschritt bestenfalls im Schneckentempo voran bewegt und zahlreiche Abkommen wegen des leidigen Streits um die Auslegung der Berlin-Verträge auf Eis liegen, hat der Handel zwischen der Sowjetunion und der Bundesrepublik in den letzten Jahren einen geradezu stürmischen Aufschwung genommen.

Zwischen 1970 und 1974 erhöhte sich der Wert des Warenaustausches von 2,5 auf über acht Milliarden Mark. Allein im letzten Jahr wurde eine Steigerung von mehr als 58 Prozent erzielt. Schon jetzt kann kein Zweifel bestehen, daß in diesem Jahr die zehnte Milliarde überschritten wird.

Die deutsche Ausstellung in Moskau hat sicher dazu beigetragen, dieser neuen Rekordmarke näher zu kommen. Ob die deutsche Selbstdarstellung ein Erfolg war, kann dennoch nicht einfach mit Ja beantwortet werden.

Für die Masse der Besucher, die sich Tag für Tag in großer Zahl durch die engen Gänge, drängten, weil sie hofften, ihren großen Hunger nach Informationen aus dem unbekannten Westen stillen zu können, war die deutsche Schau sicherlich eine Enttäuschung. Sie sagte ihnen wenig darüber, wie die Menschen in der Bundesrepublik leben; sie zeigte ihnen kaum etwas von dem, wovon sie bisher nur träumen können: ein breites Angebot hochwertiger Konsumgüter.

Genau aus diesem Grunde war das offizielle Moskau mit der Ausstellung sehr zufrieden. Sowjetmenschen sollen so wenig wie möglich über westlichen Lebensstandard erfahren. Schon jetzt bereitet das wachsende Verlangen der Bevölkerung nach mehr und besseren Konsumgütern den Planern genügend Schwierigkeiten. „Taktvoll“ nannte daher der sowjetische Innenminister Schelokow die zurückhaltende deutsche Selbstdarstellung.

Dennoch ist Moskau auch auf wirtschaftlichem Gebiet mit der Bundesrepublik keineswegs zufrieden. Trotz des starken Wachstums ist das Volumen des Warenaustausches mit der riesigen Sowjetunion auch heute noch kaum größer als mit dem kleinen Dänemark. Überdies fühlen sich die Sowjets in ihrem Stolz als große Industrienation dadurch verletzt, daß die Bundesrepublik von dort immer noch überwiegend Rohstoffe bezieht, aber wenig Fertigwaren.