Beim letzten Kongreß des Schriftstellerverbands – gerade hatte der Siemens-Konzern mit überwiegendem Erfolg gegen C. F. Delius’ Siemens-Satire prozessiert – wurde mehrfach und immer mit einer Art erbitterter Genugtuung festgestellt: Wie mächtig ist das geschriebene Wort trotz allem, wenn es die Betroffenen zwingt, vor Gericht zu ziehen. Es war wohl das eklatante ökonomische Mißverhältnis zwischen den Prozeßgegnern – hier ein einzelner Schriftsteller, dort ein Weltkonzern –, das die versammelten Schriftsteller daran hinderte, diese Feststellungen mit dem nötigen Zusatz zu versehen: Nicht die gerichtliche Auseinandersetzung an sich ist ein Beweis für die Mächtigkeit der Literatur; ihre Genauigkeit erst wäre einer.

Die Frage, wie weit die Kunst- und die Meinungsfreiheit reicht, hat die Gerichte letzthin mehrfach beschäftigt. In Hamburg wurde Erich Fried freigesprochen, der in einem Gedicht eine Berliner Polizeiaktion mit tödlichem Ausgang als Mord bezeichnet hatte; in Berlin wurde der Verleger Klaus Wagenbach wegen der gleichen Behauptung verurteilt. In Stuttgart erlaubte das Oberlandesgericht dem Fußbodenbelaghersteller Fritz Ries in zweiter Instanz vor wenigen Tagen, weiter zu behaupten, daß seine Tätigkeit während der Hitler-Herrschaft in Bernt Engelmanns Roman „Großes Bundesverdienstkreuz“ „gröblich unwahr“ dargestellt sei. Engelmann hatte diverse Dokumente, die unter anderem Ries’ Vergangenheit in einem überaus ungünstigen Licht zeigten, in einen Krimi mit erfundener Handlung eingewirkt – eine fragwürdige Vermischung von Kolportage und Wahrheit, die auch noch der schlimmsten Wahrheit den Charakter einer Unterstellung gab.

Zweimal ging Heinrich Böll vor Gericht. In Berlin wollte er dem CDU-Vorsitzenden Heinrich Lummer verbieten lassen, zu behaupten, er, Böll, habe sich der „geistigen Mittäterschaft“ am Terror schuldig gemacht. Zwei Gerichte wiesen Böll ab: Lummer habe keine falschen Tatsachen behauptet, sondern nur von seinem Recht Gebrauch gemacht, eine Meinung zu äußern. Grob und falsch dürfen Meinungen nämlich sein.

Eine ähnliche Meinung hatte der Berliner Journalist Mathias Walden in einem Fernsehkommentar zum Drenkmann-Mord im vorigen November vorgebracht: „Heinrich Böll bezeichnete den Rechtsstaat, gegen den die Gewalt sich richtete, als ‚Misthaufen‘ und sagte, er sähe nur ‚Reste verfaulender Macht, die mit rattenhafter Wut verteidigt‘ würden. Er beschuldigte diesen Staat, die Terroristen ‚in gnadenloser Jagd‘ zu verfolgen.“ Diese Passage veranlaßte Böll, Walden vor dem Kölner Landgericht auf 100 000 Mark Schmerzensgeld zu verklagen.

Wäre das Kölner Gericht ebenso penibel vorgegangen wie die anderen Gerichte, so hätte Böllwenigstens teilweise Recht bekommen müssen. Der Böll-Satz von der „verfaulenden Macht“ stammte aus einer neun Jahre zurückliegenden Rede; der von der „gnadenlosen Jagd“ aus einem „Spiegel“-Artikel von 1972; zum Fall Drenkmann hatte sich Böll unmißverständlich geäußert („doppeltes Verbrechen“); und den Rechtsstaat als „Misthaufen“ bezeichnet hatte Böll niemals. 1968, nicht – wie Waldens Anwalt behauptete – 1974 hatte Böll in der Zeitschrift „konkret“ vielmehr geschrieben: „Natürlich werde ich weiter für irgendwelche Feuilletons schreiben, der Hahn kräht ja auf seinem Mist, aber erst seit der Bonner Notstandserfahrung weiß ich, daß ich auf dem Mist krähe.“

Es hätten damals allenfalls die Vereinigten Deutschen Feuilletons vor Gericht ziehen können, um zu beweisen, daß es so falsch wie ehrenrührig sei, sie mit einem Misthaufen zu vergleichen. Sie haben es schön bleiben lassen.

Daß Waldens Montage in diesem Punkt eine Verdrehung und „rechtswidrige Verletzung des Persönlichkeitsrechts“ sei, räumte das Kölner Gericht ein; ein Schmerzensgeld billigte es Böll nicht zu. Böll wird Berufung einlegen; nicht, um Waldens demagogischen Trick zu Geld zu machen, sondern um herauszubekommen, wo nun eigentlich „die Grenzen zwischen Meinungsfreiheit und Verleumdung verlaufen“. Ob publizistische und literarische Auseinandersetzungen vor den Richter gehören, ist die Frage; aber wenn es schon einreißt, dann müßte, was Siemens und dem Berliner Polizeipräsidenten Recht ist, Waiden teuer sein. Dieter E. Zimmer