Von Rudolf Walter Leonhardt

Er hat keinen einzigen originellen Satz geschrieben – und doch war er einer der größten Schreiber aller Zeiten. Er war ein ebenso miserabler wie glänzender Journalist. Er verdiente als Schriftsteller bis zu seinem Tode jährlich eine Million – und hinterließ zwei Millionen Mark Schulden: ein Erbe, das dennoch anzutreten sich lohnte. Die Welt erfuhr durch ihn, was ein Bestseller ist; und für die Deutschen erfand er den Prototyp des "Krimis".

Überhaupt wurden, und sind noch heute, die Deutschen seine besten Kunden. Als er 1928 nach Leipzig kam, holten ihn Hunderte am Bahnhof ab. Kein Berliner Kabarett kam aus ohne eine Anspielung auf ihn. Und noch im letzten Jahr mutete das deutsche Fernsehen seinen Konsumenten nichts Ungebührliches zu, als es die alten Filme zum zweiten und dritten Male wiederholte.

Noch heute druckt der Goldmann-Verlag, der allein von den Taschenbuch-Rechten für diese Kriminalromane gar nicht schlecht leben könnte, in jedes Exemplar den offenbar nach wie vor werbewirksamen Spruch: "Es ist unmöglich, von Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein!" In der Tat: Es ist unmöglich.

Seit 1927 fuhr Wallace immer wieder gern nach Deutschland, fühlte er sich hier wohl, nahm er es den Deutschen gar nicht mehr ’übel, daß er sie "Hunnen", "dekadente Affen", "Bestien ohne Mut und Verstand" genannt hatte.

Aber das war im Krieg gewesen, als auch sanftere Gemüter sich in Verwünschungen des Feindes ergingen. Dem Gemüt des unehelichen Kindes einer Schauspielerin aus den Armenvierteln Süd-Londons konnte wenig Sanftheit mitgegeben werden.

Ganz anders: Charlie Chaplin