Von Anthony Sampson

Riad, im April

Die neue saudi-arabische Regierung ist im Amt. Aber noch immer ist unklar, welche Personen oder Gruppierungen den künftigen Kurs bestimmen werden. Die Beunruhigung der westlichen Welt über die Ermordung König Feisals hält an. Denn wie sehr auch Feisal für seine unnachgiebige Haltung gegenüber den Amerikanern kritisiert worden ist, läßt sich doch kaum ein anderes Regime vorstellen, das so pro-westlich eingestellt ist, wie es das seine war.

Seit dem letzten kritischen Zusammentreffen zwischen dem König und einem Vertreter der amerikanischen Regierung in Riad ist erst ein Monat vergangen: Danach wurde Henry Kissinger von Feisal, dessen Halbbruder Fahd und dem Ölminister Scheich Jamani empfangen. Die Atmosphäre im Büro des Königs war für alle Anwesenden spürbar gespannt. Der König ließ mit seinem herablassenden Gesicht und seinem grämlichen Mund kaum erkennen, daß ihm der Gast willkommen sei, und auf das bemühte Lächeln des Außenministers reagierte er schon gar nicht. Später hieß es, der König habe Kissingers – wie es damals noch schien – „Fortschritte“ bei den Israelis mißbilligt. Und Scheich Jamani habe noch einmal klargestellt, daß Saudi-Arabien entschlossen sei, abermals die Ölwaffe einzusetzen, falls es zu einem neuen Krieg im Nahen Osten kommen sollte. Mehr denn je war Feisal in den letzten Monaten der Heilige Krieg gegen Israel Herzenssache gewesen. Seit ihm Tod und Krankheit vor kurzem einige seiner engsten Berater genommen hatten, unter ihnen auch Außenminister Omar Sakkif, sah er sich die Bürde der Herrschaft ganz allein tragen.

Dennoch schätzten amerikanische Diplomaten jede Alternative zur Person Feisals als gefährlich ein, sei es nun in der Israel- oder in der Ölpreisfrage. Zweifellos war der Einfluß des Königs auf die Entwicklung der Ölpreise mäßigend, wie sich schon im Dezember 1973 nach dem schicksalsträchtigen Treffen in Teheran, bei dem der Ölpreis auf elf Dollar verdoppelt wurde, deutlich zeigte. Scheich Jamani, der im Vergleich zum Schah oder den Vertretern der anderen arabischen Staaten ebenfalls für Mäßigung eintritt, schloß sich damals nur zögernd der Mehrheit an. Andernfalls wäre die Organisation Erdölproduzierender Staaten (OPEC) auseinandergebrochen. Jamani hatte seinerzeit keine Gelegenheit gehabt, vor der Abstimmung den König um Rat zu fragen. Aber als er nach Riad zurückkehrte, machte ihm Feisal schwere Vorwürfe und gab ihm zu verstehen, daß er darauf bestanden hätte, den Ölpreis niedrig zu halten.

Jamani hat in der neuen Regierung abermals das Amt des Ölministers bekommen. Aber seine Stellung ist gefährdet. Er selber sieht sich mehr als ein Technokrat, der sich in den internationalen Ölgeschäften auskennt, aber keine besonderen politischen Ambitionen hat. Er genoß das Vertrauen König Feisals selbst nach jenen Differenzen über den Ölpreis. Aber er steht sich nicht gut mit Prinz Fahd, dem neuen Kronprinzen, dessen Einfluß auf die Regierungspolitik größer werden kann als die des neuen Königs Chalid. Es wäre ein schwerer Schlag für den Westen, würde Jamani abgelöst und müßte man seine langjährige Erfahrung, sein Verständnis für die Probleme Amerikas entbehren.

Auch die Möglichkeit einer revolutionären Entwicklung in Saudi-Arabien taucht in Spekulationen immer wieder auf, nicht erst seit Präsident Nasser in den sechziger Jahren über den Jemen regelrecht Krieg mit Saudi-Arabien führte. Das saudische Regierungssystem ist verwundbar: Dieses Land wird immer noch von einer einzigen Familie beherrscht (außer dem ottomanischen Reich ist Saudi-Arabien der einzige Staat in der Welt, der nach einer einzelnen regierenden Familie benannt ist), und es ist mehr und mehr von anderen Arabern abhängig geworden. Vor allem ohne Palästinenser und Libanesen könnte es nicht mehr auskommen. Zwar sind in den letzten Monaten weniger ausländische Arbeitskräfte eingestellt worden, aber immer noch fehlt es allerorten an qualifiziert ausgebildeten Saudis.