Von Thomas Schröder

Zugegeben, mir wird immer etwas mulmig, wenn ein Hotelprospekt mich in eine "stilvolle Atmosphäre" locken will – zumeist ist das Lokalkolorit, das den Gast zu "romantischen Stimmungen" bewegen will, mit säuerlichen Mitteln hergerichtet. Und wenn derselbe Prospekt mich fragt, ob ich "nicht schon immer einmal auf einer Burg leben wollte wie eine Prinzessin oder ein Ritter in den Märchen der Brüder. Grimm", ob es mich nicht reizen könne, "vom Burgsöller aus in das weite Land zu schauen über Wälder, Wiesen und Felder – wie ein Fürst": Wenn ich also derart gefragt werde, antworte ich bürgerlich bescheiden mit Nein.

Andererseits haßt meine Freundin den Normkomfort der Intercontis und Holiday Inns wie die Pest und findet altes Gemäuer und Androhungen von Burggeistern gelegentlich ganz heimelig – und so beschließen wir ein Wochenende auf der "Trendelburg", einem wohlbeleumdeten Burghotel im frühen Weserbergland, zwischen Hofgeismar und Karlshafen in der Tat idyllisch über dem Weserzufluß Diemel gelegen.

Nach dreieinhalb Stunden Autofahrt (Autobahnabfahrt Hannoversch-Münden, dann die B 80 bis Oberweser-Gieselwerder und in Serpentinen den Reinhardswald durchquert) haben wir Trendelburg bequem erreicht, den Burgberg erklommen, auf einer schmalen Brücke den breiten Schutzgraben überquert und, bei Nieselregen und Dunkelheit, den Burghof betreten – da ergreift uns doch so etwas wie verdächtiges Behagen: Kein Filmarchitekt aus Hollywood könnte eine deutsche Burg besser bauen, kein Beleuchter sie effektvoller romantisch ausleuchten, wahrhaftig hat es einen mächtigen Bergfried, wahrhaftig Wehrtürme und Trutzmauern, und das Kopfsteinpflaster nötigt den Füßen Abenteuer auf.

Der Junior-Burgherr Hans-Hubertus von Stockhausen läßt uns freundlich unser "stilvoll eingerichtetes Zimmer" zuweisen – nicht im Pallas, dem Wohntrakt der Burg, sondern im "Hochzeitsturm", einer umgebauten Wehranlage, in der die Hotelleitung gern die aus romantischen Gründen anreisenden Hochzeiter nächtigen läßt. Das Zimmer kostet rund achtzig Mark pro Tag. Es ist klein, eng und stilvoll ausgestattet mit zwei alten plumeaubeladenen Betten, einem runden weißen Tisch aus Metall und zwei Gartensesseln aus Rohrgeflecht. Einen resopalbraunen Kasten identifizieren wir als Minibar, für den Herrn steht ein stummer Diener bereit. Zwei Nachtschränke. Clou: Die Betten sind mit einer Andeutung von Baldachin überwölbt. Im Badezimmer fahnden wir vergeblich nach Badezusatz und Seife.

Musik erscheint offenbar als Sakrileg, ein Radio gibt es nicht, von Fernsehen ganz zu schweigen. Soll man zur Ruhe gezwungen werden, oder schaffen wir hektischen Großstadtmenschen es nicht so schnell, uns in das große, schwarze Loch der Ruhe fallen zu lassen? Damit die Totenstille um die Burg uns nicht allzusehr bedrückt, halten wir uns an die Kühlschrankbar.

Am nächsten Morgen erst einmal den versprochenen fürstlichen Blick aus dem Fenster genommen über die zu dieser Jahreszeit noch recht ereignislose Mittelgebirgslandschaft; unten, an der Diemel, machen sich einige Caravaner an ihren Wohnwagen zu schaffen, zwei Herren im Trainingsanzug spielen Tennis, Ponyreiter sind noch nicht zu sehen und das beheizte Freibad des Hotels im März noch geschlossen – eine Sauna und ein "unterirdisches" Hallenbad sollen später einmal gebaut werden, schade, daß die Gäste so lange darauf werden warten müssen.