Von Rolf Zundel

Bonn, im April

Das Bonner Parlament fällt wieder in den Stil seiner Anfangsjahre zurück. Es wird ebenso laut und leidenschaftlich gestritten wie damals und, mehr noch als in der ersten Legislaturperiode, mit rüder Effizienz. Ein Blick in die Bundestagsprotokolle beweist diese These: Die Reden sind von gleicher polemischer Schärfe, und sie werden ständig durch Zwischenrufe begleitet und unterbrochen.

Zwischenrufe, so urteilt Ernst Jörg Kruttschnitt, der diese Ausdrucksform des Parlamentarismus in den fünfziger und sechziger Jahren liebevoll beschrieben hat, sind das Salz in der Debatte. Gesalzen sind sie auch heute noch manchmal, aber inzwischen hat sich eine fast selbständig funktionierende Zwischenrufmaschinerie entwickelt, die nur noch selten treffsicheren Witz hervorbringt oder gar zu einem persönlich gefärbten spritzigen Dialog führt, wie er früher etwa zwischen dem CDU-Kanzler Adenauer und dem KPD-Abgeordneten Renner gang und gäbe war. Die Interventionen werden meist nach dem Motto produziert: mehr und billiger.

Allein bei dem einstündigen Auftritt von Willy Brandt in der Debatte über Innere Sicherheit wurden über hundertmal Unterbrechungen durch Zwischenrufe registriert, meist gleich mehrere auf einmal, den Beifall der Koalitionspartner nicht mitgerechnet. In der etwa gleichlangen Rede von Strauß zählt man etwa 80 solcher Interventionen. Bei Carstens, Wehner, Apel ist es nicht viel anders, und auch der Kanzler hat, sobald er die Form der Regierungserklärung verläßt, einen ständig lärmenden Begleitchor der Opposition.

Ohne Zweifel, durch Zwischenrufe können Debatten Farbe, Temperament und Tempo gewinnen. Und es mag auch sein, wie Kenner behaupten, daß die überlangen Reden im Deutschen Bundestag Unterbrechungen geradezu provozieren. Aber diese Erklärung befriedigt nicht. Die tiefere Ursache ist doch wohl, daß hier weniger gegen Langeweile protestiert wird, sondern daß sich politische Spannungen entladen.