Ulf Lantzke ist viel zu optimistisch. Reicht es aus, wenn die Verbraucherländer über finanzielle Solidarität, sparsame Verwendung von Energie und Entwicklung alternativer Energiequellen diskutiert haben, ehe sie sich am 7. April mit den Ölproduzenten zusammensetzen? Die ölproduzierenden Länder werden die Vorkonferenz benutzen, den Themenkreis so weit wie möglich zu ziehen. Auf der Ölwoge schwimmend, werden sie versuchen, Wünsche und Forderungen auch für andere Rohstoffe durchzusetzen.

Die Entwicklungsländer wollen eine neue Weltwirtschaftsordnung, was immer sie darunter verstehen. Gelegentlich artikulieren sie ihre Ziele, wie jetzt in der „Deklaration von Lima“, die Ende März ohne die Stimmen der Industrieländer angenommen wurde. Darin werden eine strikte Kontrolle der multinationalen Konzerne, eine starke Unterstützung von Rohstoffkartellen und Ausgleichszahlungen an solche Länder gefördert, die in der Vergangenheit von Kolonialmächten „ausgenutzt und wirtschaftlich ausgebeutet“ wurden. Im September wird die Erklärung der Vollversammlung der Vereinten Nationen zur Abstimmung vorgelegt werden.

Die Ölländer haben ihre Ziele auf der Gipfelkonferenz in Algier abgestimmt. Die anderen Rohstoffländer sind dabei, ihren Forderungen die Unterstützung der UN mit auf den Weg zu geben. Nur die westlichen Industrieländer und Japan, die wichtigsten Verbraucher von Rohstoffen, haben noch kein gemeinsames Konzept. Sie wissen noch nicht einmal, welches Ziel sie ansteuern sollen. Die Führungsmacht des Westens möchte in gewissem Umfang Ölpreissenkungen durchsetzen, andere akzeptieren jeden Ölpreis, wenn sie nur genug Öl bekommen. Ein ganzes Jahr hat es gedauert, ehe Präsident Ford und Staatspräsident Giscard d’Estaing, die Wortführer der beiden Richtungen, miteinander darüber sprachen. Im Verfahren wurden Kompromißformeln gefunden, die sachlichen Gegensätze bestehen weiter.

In der Zwischenzeit wurde die öffentlichkeit dem Wechselbad dramatisierender und beruhigender Analysen ausgesetzt. Haben die ersten Zahlen über Anlage suchende Öldollar die Kassandras auf den Plan gerufen, sind es jetzt die Optimisten, die mit neuen Zahlen alle Gefahren weganalysieren, etwa nach dem Motto: Die kapitalistische Wirtschaft ist viel elastischer als erwartet. Derlei hören Menschen gern, die schon einmal kurz in den Abgrund geschaut haben.

Doch das ist genau die falsche Medizin. Politiker, die in Legislaturperioden denken, greifen solche Beruhigungsmittel begierig auf, weil sie sie der Aufgabe entheben, an übermorgen zu denken. Eine falsche Lagebeurteilung aber, die vorübergehende Erscheinungen fälschlicherweise als dauerhaften Zustand auffaßt, kann schwerwiegende Konsequenzen haben.

Die ölkonferenzen dieses Jahres sind der Anfang eines Dialogs der Industrieländer mit der Dritten und Vierten Welt. Die Industrieländer sollten deshalb schon jetzt wissen, was sie wollen und was sie auf keinen Fall akzeptieren können.

Was halten die Industrieländer von der Indexierung des Ölpreises? Wie stehen, sie zu Rohstoffabkommen? Lassen sie sich auch künftig willkürliche Preisfestsetzungen ohne Gegenwehr gefallen? Was können sie tun, um den Schutz ihrer Auslandsinvestitionen zu verbessern? Wird das Währungssystem mit den neuen Schwierigkeiten fertig? Wollen sie wirklich zulassen, daß die Währungspolitik über den link für die Entwicklungspolitik mißbraucht wird? Sind sie, wenn sie den link ablehnen, bereit, mehr echte Entwicklungshilfe zu geben? Wie können die Ölländer dazu gebracht werden, einen Teil ihrer Einnahmen als langfristige Entwicklungshilfe ohne politische Auflagen an die Ärmsten der Armen zu geben?

Mit einem Fragenkatalog dieser Art werden unsere Politiker konfrontiert werden. Haben sie Antworten parat? Die ehrliche Antwort lautet: Nein. Rudolf Herlt