Von Christian Schmidt-Häuer

Alle reden vom rauheren Wind, der seit zwei Jahren durch Budapests Literatencafes, Filmstudios und Soziologenzirkel fegt; doch zu spüren bekommen haben diesen Wind bisher nur wenige, und das sind die Schüler des marxistischen Literaturtheoretikers György Lukács, der sozialkritische Schriftsteller György Konrad, der Soziologe Ivan Szelényi, der „Stücklohn “-Autor Haraszti. Im März des vorigen Jahres hatte der milde Pontifex des ungarischen Literaturlebens, György Aczél, seinen Posten als ZK-Sekretär für Kulturpolitik und Erziehung verloren; in diesem März, beim 11. Parteitag der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei (USAP), ist er, immerhin, wieder ins Politbüro gewählt worden. Dieser Kompromiß zeigt, daß Parteichef Janos Kádár auch weiterhin der Repression den Dialog vorziehen möchte – allerdings in einer härteren Sprache als bisher.

Denn Kunst und Konsum, Westreisen und Westwaren (von Pariser Parfüms bis zu Büchern von Handke und Wondratschek) haben Budapest seit Ende der sechziger Jahre einigermaßen immun gemacht gegen die sowjetische Strategie der ideologischen Abgrenzung vom Westen. „Die Einschätzung der realen Lage“, so hat Kádár gerade vor dem Parteitag gesagt, „bedeutet nicht, daß wir uns damit abfinden oder irgendwelche theoretischen Kompromisse eingehen..., aber wir wollen diese Fragen vor allem in ideologischen Diskussionen klären.“ Seine offene Zwischenbilanz lautet so: „Unser öffentliches Literatur- und Kunstleben ist weltanschaulich und theoretisch noch nicht einheitlich.“

Das trifft in der Tat auf Ungarn ganz besonders zu – und dadurch haben es nicht nur die Kulturfunktionäre schwerer, sondern auch diejenigen westlichen Kritiker, die den großen, den eindeutigen Trend suchen. Ungarns wichtige Schriftsteller jedoch sind nicht schematisch aufzuteilen in Regimekritiker, Parteianhänger und Opportunisten. Die Rebellen von einst, die nach dem Aufstand von 1956 zum Teil zu sehr langen Freiheitsstrafen verurteilt worden waren – wie Tibor Déry, Eörsi, Zelk, Zoltan Vas, Karinthy, Veszi –, werden heute wieder geehrt, ihre Arbeiten publiziert.

Eine neue Sprache aber hat in den letzten Jahren eigentlich nur der traditionsreiche ungarische Film gefunden, vom manieriert-choreographischen Mysterienspiel über die ungarischen Bauernrevolten („Roter Psalm“) bis zum unerbittlich-präzisen Protokoll einer sozialistischen Brigade („Gegenwart“).

Die vollen Budapester Theater wiederum verdienen gut, mit begabten Komödianten in verstaubten Stücken unter mittelmäßigen Regisseuren. Auch das ist Budapester Tradition, deren Wurzeln ja in die k. u. k.-Zeit reichen: kein Hof, keine Mäzene, ein zu Kompromissen neigendes Bürgertum – das ungarische Theater hat gelernt, sich erfolgreich an der Oberfäche zu halten, auch im Sozialismus. Die Gegenwart hat auf seinen Bühnen nur selten Zutritt – und woanders macht man zur Zeit zumindest einen Bogen um sie herum.

So ist die Geschichte das Hauptthema der Literaturhistoriker und vieler Schriftsteller: die nationale Geschichte Ungarns; Spielraum und Engagement sind in nationalen Fragen größer als in sozialen. Das spüren zuallererst die Erben des bedeutendsten marxistischen Denkers in Ungarn, György Lucács’. Sie sind seit 1973 aus der Wissenschaft verbannt. Gewiß sind die international renommierten Philosophen und Soziologen um Agnes Heller, Maria Markus und den ehemaligen Ministerpräsidenten Hegedues, um Ferenc Feher, Janos Kiss, György Markus und Mihaljy Vajda nicht repräsentativ für den ungarischen Kulturbetrieb. Doch ihr Schicksal ist bezeichnend für den kompromißlosen „Pragmatismus“ auch der ungarischen Partei gegenüber denjenigen kritischen Marxisten, die theoretische Alternativen entwickeln.