Alle reden vom Energiesparen, Vorschläge und Ratschläge sind an jeder Ecke billig zu haben; einer davon lautet, man möge künftig, wo immer es sich machen ließe, nicht zueinander hinfahren, sondern statt dessen lieber das Telephon oder, bei gehobenen Ansprüchen, das Fernsehtelephon benutzen. Mit der Perfektionierung derartiger Kommunikationsmittel, so konnte man schon hören, werde sich das Problem des Individualverkehrs in naher Zukunft von selber lösen.

Für solche Art von Telekommunikation sind die Leute von der Post zuständig. Langzeitplaner des britischen Postministeriums haben unlängst unter dem Motto des Energiesparens einige Betrachtungen über die Vor- und Nachteile der Telekommunikation im Vergleich zum Reisen veröffentlicht.

Der Nutzeffekt des Telephonierens ist, wie sich aus den Berechnungen der Postler ergibt, ganz enorm: Vier Leute zum Beispiel, von denen zwei in London und zwei in Glasgow wohnen, verbrauchen bei einer dreistündigen Konferenz per Bildtelephon nur 40 Kilowattstunden, dagegen mehr als das Elffache, nämlich 450 kWh, wenn die beiden Glasgower zu diesem Zweck mit der Bahn nach London fahren, und das Vierzigfache, 1600 kWh, wenn sie dazu das Auto nehmen.

Aber natürlich kann man aus solchen Beispielen noch nicht schließen, daß die Telekommunikation in bezug auf den Energieverbrauch dem Transport grundsätzlich überlegen sei. Das hängt in jedem Einzelfall von der Entfernung der Gesprächspartner, von ihrer Anzahl und von der Dauer des Gesprächs ab. Ein extremes Beispiel: Zwei Leute, die nur fünf Kilometer auseinanderwohnen und drei Tage lang konferieren wollen, tun besser daran, sich bei einem zu treffen, als eine Fernsehverbindung schalten zu lassen – und umgekehrt: vier Leute, die nur eine Viertelstunde miteinander zu reden brauchen und ein paar hundert Kilometer voneinander entfernt sind, sparen eine Unmenge Energie, wenn sie telephonieren, statt zu reisen.

Leider haben die britischen Postler an diesem Punkt mit dem Rechnen aufgehört. Für eine realistische Abschätzung der Möglichkeiten, mit dem Telephonieren Energie zu sparen, wäre es ja auch wichtig, einmal überschlägig zu ermitteln, welchen Anteil denn die "unnötigen", das heißt durch Telephonate oder Bildtelephonate ersetzbaren Reisen am gesamten Transportaufkommen haben. Vielleicht würde sich dann erweisen, daß die Kilowattstundenzahlen, so eindrucksvoll sie im Einzelfall sind, sich aufs große Ganze kaum auswirken.

Nun ist ja die Energiefrage auch nur ein (freilich aktueller) Aspekt jener Telekommunikation, an der die Postbehörden in aller Welt herumplanen. Eine Gesamtabschätzung ihres Nutzens müßte einerseits (was für die Telekommunikation spräche) die Zeit mit einkalkulieren, die beim Reisen zusätzlich zur eigentlichen Gesprächszeit aufgewendet wird und sozusagen verlorengeht, müßte aber andererseits auch die Nachteile abwägen, die sich natürlicherweise ergeben, wenn ein Gespräch auf die rein audiovisuellen Elemente einschrumpft und zahlreiche optische Signale, wie die Feinheiten von Gesten, trotz Fernsehen größtenteils unter den Konferenztisch fallen. Noch die ausgefeilteste audiovisuelle Technik wird die Teilnehmer ein wenig in die Rolle dessen drängen, der der Fernsehansagerin gegenübersitzt und den Versuch macht, ihr freundlich zuzuwinken... Der telekommunikativen Gesellschaft, deren Vision die britischen Postler andeutungsweise skizzieren, stehen noch manche Hindernisse entgegen.

Für den Fall ihrer wenigstens teil weisen Verwirklichung aber rechnen die englischen Experten mit einer ganz überraschenden Folge: Es könnte sein, so vermuten sie, daß die neuen Medien, wenn sie allgemein in Gebrauch kommen, der Kommunikation als solcher einen neuen Aufschwung geben und damit einen Ankurbelungseffekt auf alle Arten von Kommunikation, also auch auf den Personentransport, ausüben. Die audiovisuellen Verfahren ermöglichen neue und direktere Kontakte und wecken damit den Wunsch nach Steigerung und Wiederholung, das heißt, ein Kommunikationsverfahren, das unter anderem dazu dienen soll, Zeit und Energie zu sparen, hätte im Endeffekt genau die entgegengesetzte Wirkung – eine Vermutung, für deren Richtigkeit aus der Geschichte der Informationsübermittlung seit Gutenberg beliebig viele Belege beigebracht werden können.

Jürgen Dahl