Bei den Konservativen werden riskante Planspiele entwickelt. Wachsende Kräfte in der Opposition wollen das Referendum über die britische EG-Mitgliedschaft nutzen, um Premierminister Wilson zu stürzen.

Seit bekannt ist, daß Harold Wilson das Europa-Referendum auf den 5. Juni vorziehen will und die Kabinetts-Dissidenten an die Kandare zu legen beginnt, mehren sich im Lager der britischen Konservativen die Stimmen, die dem Premierminister Existenzangst nachsagen. Er muß, um die Nein-Sager im Labourlager zu überzeugen, sich bis zur Abstimmung mehr und mehr als Pro-Europäer profilieren. Um so zweifelhafter wird sein politisches Überleben, wenn die Wähler ihm und der Europäischen Gemeinschaft eine Absage erteilen. Daraus ziehen manche Konservative den Schluß, es sei ratsam, Wilson über das Referendum zu stürzen. Ihr Zeitplan sieht so aus:

Erste Phase: Am 10. April im Parlament ein klares Nein zum Gesetz, das das Referendum ermöglichen soll. Das schüfe den Vorbehalt, den die Konservativen für ihre Taktik später brauchen.

Zweite Phase: Im Juni ein Nein beim Referendum mit dem Hinweis, es gehe nicht um Großbritanniens Mitgliedschaft in der Gemeinschaft, sondern um Wilsons überflüssiges Lavieren.

Dritte Phase: Nach einem negativ verlaufenem Referendum Neuwahlen.

Vierte Phase: Unmittelbar nach einem konservativen Siege eine Unterhausabstimmung, die mit einer Mehrheit des souveränen Parlaments das Ergebnis der Volksabstimmung vervirft und Englands Mitgliedschaft in Europa bestätigt.

Solche Planspiele sind populär bei den Tories, obwohl sie zu viele Ungewißheiten enthalten. Daß dabei parteipolitische Aspekte über die Europa-Frage gestellt werden, stört die Planer nicht: Schließlich sei es Wilson gewesen, der die EG-Mitgliedschaft zum parteipolitischen Objekt degradiert habe. Das Referendum diene ja nur der mühsamen Wahrung längst gestörter Labour-Eintracht. Ohnehin zerbreche die Labourmehrheit im Parlament: Nach der Wahl vom 10. Oktober 1974 habe sie drei Stimmen betragen, durch den unerlecigten Fall des geflüchteten Ex-Labourministers Stonehouse sei sie auf zwei zurückgegangen und durch den Tod des Labour-Abgeordneten Hamling betrage die Mehrheit nur noch eine Stimme.