So ruhig und friedlich ist Bonn selten gewesen wie an den Ostertagen. Erschöpft und ausgelaugt retirierten die Politiker von der Bildfläche – zur Erholung und zu sporadischen Wahlkampfeinsätzen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. Sie alle wissen: Die nächsten Wochen bis zu den Wahlen am 4. Mai werden fürchterlich.

Die Koalition begnügte sich damit, weiter am Dauerbonbon der Sonthofener Rede von Strauß zu lutschen. Die Opposition dagegen versuchte, ein ähnliches Schmankerl unter die Leute zu bringen: den Bericht des Jungsozialisten Paul Hitzke über eine Sitzung des „Frankfurter Kreises“, die kurz nach dem Bonner Kanzlerwechsel, am 17. Mai 1974, stattgefunden hatte.

In diesem „Protokoll“ wird deutlich, was niemanden überraschen kann: Die SPD-Linke erträgt Helmut Schmidt nur widerwillig. „Die Würdigung der Regierungserklärung Schmidts“, so heißt es da in holperigem Deutsch, „als eines – zu 95 Prozent auch der CDU zuzutrauendes – Geschwafel war einstimmig.“ Die Widerstandsfähigkeit Brandts gegen Schmidt wird minimal veranschlagt, von einer Fronde gegen den Kanzler aber wird dringend abgeraten.

Wäre das „Protokoll“ nicht mit dem Etikett „Geheimpapier“ auf den Markt gekommen – niemand hätte sich darüber erregt. So aber sah sich der SPD-Sprecher immerhin zu der Erklärung genötigt, es handele sich offensichtlich um „Erfindungen oder Fäschungen“. Richtig ist, daß der Frankfurter Kreis, dem z. B. Steffen, Carsten Voigt und die Abgeordneten Sperling und Gansel angehören, nie geheime Protokolle angefertigt, sondern regelmäßig der Fraktion und der Partei schriftlich über die Sitzungen berichtet hat. Diese Protokolle sehen anders aus als die Aufzeichnungen des Jungsozialisten Hitzke. Daß Hitzke ebenfalls eine Aufzeichnung angefertigt hat, ist damit nicht widerlegt, auch nicht, daß die Wiedergabe der CDU mit dem Original übereinstimmt.

Im übrigen aber beließ es die SPD beim einmaligen Dementi. Sie hatte Strauß und die Union als warnendes Beispiel vor Augen: Durch Dementis und Prozesse wird die Erinnerung an die Sonthofener Rede für den Wahlkampf wachgehalten.

Koalition und Opposition sind auf das Datum des 4. Mai fixiert. Danach wird die Union über ihren Kanzlerkandidaten entscheiden, danach wird auch die Koalition darüber befinden, ob ihr Projekt „Mitbestimmung“ noch zu retten ist. Bis dahin wird gepokert – in der Union und in der Koalition.

In der Mitbestimmung scheint die SPD auf Zeit zu spielen. Sie gibt sogar zu erkennen, daß sie eine Vertagung des Unternehmens bis in die nächste Legislaturperiode einer Lösung vornehm würde, die Gewerkschaften und Sozialdemokraten zu viele Zugeständnisse abverlangt.