Von Franz C. Widmer

Bagdad, Anfang April

Einheit – Freiheit – Sozialismus.“ Überall werden diese hehren Ziele der irakischen Baath-Partei plakatiert – und nirgends werden sie befolgt. Doch lange Zeit erfüllten die großen Worte ihren Zweck: sie ersetzten die Taten im Innern.

Als die Baathisten am 17. Juli 1968 das Regime Aref stürzten, fanden sie das Land sogar in einem schlechteren Zustand, als es zehn Jahre zuvor gewesen war (damals, am 14. Juli 1958, hatte Oberst Kassem die von den Briten eingesetzte Monarchie gestürzt und König Feisal II. ermordet). Der Irak war im Innern durch Kurden-Kriege zerrissen, die potentielle Führungsschicht in Kommunisten und Baathisten gespalten (sie bekämpften sich weniger mit Worten als mit Dolchen und Pistolen), das reiche Agrarland mußte plötzlich Lebensmittel importieren, und die Feudalstruktur, insbesondere im Norden, blieb unangetastet.

Nur in den Beziehungen nach außen hatte sich vieles geändert: Das Zweistromland war international völlig isoliert. Die zehn Millionen Iraker lebten ein karges Leben wie zu Mohammeds Zeiten. Der vierteljährliche Scheck der Iraq Petroleum Co. (IPC) diente nur zur Schuldentilgung und zur reichlichen Entlohnung der Offiziere, die zufriedengestellt werden mußten, damit sie den üblen Ruf eines Putsch-Paradieses nicht noch weiter verbreiteten.

Eine aktive Außenpolitik mußte also – ein bewährtes Mittel – die Fehler in der Innenpolitik übertünchen. Staatschef Ahmed Hassan el-Bakr und Saddam Hussein, der sich in internen Machtkämpfen bald zum Vizepräsidenten des revolutionären Kommandorats und starken Mann des Regimes emporarbeitete, brachten es darin zur wahren Meisterschaft: persische und israelische „Agenten“ wurden öffentlich aufgeknüpft, Kuwait physisch, Saudi-Arabien und die andern „reaktionären Feudalstaaten“ verbal attackiert, der Grenzkonflikt mit dem Iran zum Grenzkrieg aufgewertet.

Die ganze Zeit über wurde im Innern die „Weiße Revolution“ fortgesetzt: „weiß“ heißt sie darum, weil man die bedeutenden politischen Gegner nicht mehr blutig „kassiert“ (ein Lieblingswort in Bagdad), sondern ins Ausland abschiebt. Bis das Regime fest im Sattel saß und sogar einen wohlvorbereiteten Putsch überstehen konnte, der früher unweigerlich zu einem Machtwechsel geführt hatte, dauerte es vier Jahre.