Von Carl Amery

Vor kurzem fand in Vilshofen eine "Anhörung" statt. Sie betraf die geplante Errichtung eines großen Kernkraftwerks in der ländlichen Nachbargemeinde Pleinting.

Die Anhörung reproduzierte bis zur Karikatur die bereits aus Wyhl bekannten Fehler. Der Oberbürgermeister von Vilshofen, zweifellos stark motiviert durch die Aussicht auf eine Eingemeindung von Pleinting und die dann folgenden Segnungen der Gewerbesteuer, hatte alles schönstens vorbereitet: die geballten "Experten" des Bayernwerks und des Umweltministeriums, auf das Projekt bereits eingestimmt, konnten auf jede Anfrage des lokalen Publikums in ihrem Sinne antworten, mit den üblichen Auslassungen und Verdrehungen (betreffend etwa die Sicherheitsfaktoren, den radioaktiven Müll, die statistischen Fakten des Energiebedarfs).

Die Vertreter des Bundes Naturschutz waren als einzige "Experten" von außerhalb zugelassen, durften jedoch auch nur punktuelle Fragen an die Energielobby stellen, ohne Möglichkeiten der Vertiefung, ja ohne Möglichkeiten zu Zusatzfragen. Alle derartigen Versuche wurden vom höchst aufgeregten Oberbürgermeister als "Emotionalisierung" abgetan. Was sich aus dem Volk meldete, war das bekannte Unbehagen – Fischer bangten um ihre Erträge, Fremdenverkehrsorte um ihre Attraktivität, Gemeindepolitiker aus der Nachbarschaft um den unverhältnismäßig großen Kuchenanteil, den sich Vilshofen da herausschneiden wollte.

Das Übliche, ist man versucht zu sagen. Aber, wie die jüngste Diskussion zeigt, wird dieses Übliche allmählich doch zum Politikum. Die CDU-Parteibücher im Scheiterhaufen zu Emmendingen, die offenbare Möglichkeit einer entschlossenen Terroristengruppe, gekaperte Plutonium-Transporte in einer Tiefgarage zur Atombombe umzubauen, die immer geringere "Verkaufbarkeit" sogenannter Großvorhaben machen in jüngster Zeit die Regierbarkeit der Untertanen immer fragwürdiger. Noch kann das Industriesystem auf mittlerer und unterer Ebene auf die Mittäterschaft von subjektiv ehrlichen Machern wie der Bürgermeister von Wyhl und Vilshofen zählen – aber doch nur so lange, bis die innere Inkonsequenz eines Systems, das sie zu solcher Komplizenschaft zwingt, drastisch offenbar wird.

Natürlich denkt man, ganz oben, noch nicht daran, das Kernkraftprogramm aufzugeben – nach wie vor drohen die fünfzig KKW, von denen jedes mehr Abwärme als die Großstadt München absondern würde. Noch droht, auf grotesk übervölkertem Raum, die Aussicht auf fröhliche Transportflotten mit Plutonium und radioaktivem Müll. Noch droht die Lebensverlängerung eines todkranken Produktionsmechanismus in der nuklearen Intensivstation. Dem massiven und wohl noch wachsenden Widerstand der unmittelbar Betroffenen hofft man mit intensiverer "Aufklärung" beizukommen.

Woher kommt aber der Widerstand? Wie der Fall Wyhl – und demnächst vielleicht der Fall Pleinting – zeigen, kommt er zunächst aus den soziologisch "ältesten" Schichten der Bevölkerung: von Winzern, Bauern, Fischern, Jägern. Diese Schichten, deren Selbstverständnis sich nie von den Wunden des Selbstverständnis erholt hat, sind die innerstaatliche "Dritte Welt" unserer Gesellschaft. Sie sind entweder zu Subventions- oder zu Hobby-Distrikten der Industriegesellschaft degradiert worden. Die übrigen Teile der Koalition des Widerstandes kommen aus allen möglichen Dissidentenkreisen: Dissidenten des Bürgertums, die ihr grundsätzlich schlechtes Gewissen zum Engagement treibt, Dissidenten des Sozialismus, die das Gefühl haben, man müsse nicht nur Produktionsverhältnisse, sondern Produktionsformen zur Diskussion stellen, wenn man zu gesünderen Zukunftsexistenzen gelangen will, Dissidenten aus den christlichen Gemeinden, die den Weltauftrag des Menschen etwas anders interpretieren, als dies die alte naiv-kalvinistische Formel von der "Weltbeherrschung" tut.