Peter Hamm war wohl immer das, was man gestern in der Sprache des Feuilletons gern einen „Herrn“ nannte, vorgestern einen „Kavalier alter Schule“. Heute würde man eher etwas gereizt sagen: ein Erzkonservativer. Aber gleich ist hinzuzufügen: einer von der ehrbaren Art. Er verfügt über Erfahrung, Bildung, Witz, er schreibt nicht ganz ohne eigenen Stil und ist politisch von jener Integrität deutscher Rechter, wie man sie auch von den Männern des 20. Juli kennt. Also keinen linken Schimpf über ihn; das wäre zu billig.

Horst Krüger in der ZEIT vom 29. September 1972. Der Schriftsteller Peter Bamm („Die unsichtbare Flagge“, „An den Küsten des Lichts“, „Eines Menschen Zeit“) ist am Ostersonntag, 77 Jahre alt, in Zürich gestorben.

Der Fall Heike Sander

Es sieht so aus, als sei die Berliner Justiz bemüht, zu verhindern, daß der Fall Heike Sander zu einer ersten Probe auf das neue Zeugnisverweigerungsrecht für Journalisten wird. Wie wir vor vier Wochen schrieben, war die Berliner Film- und Fernsehregisseurin bei einer Frauendemonstration in Sachen Paragraph 218 festgenommen worden; ihr Filmmaterial wurde beschlagnahmt. Zu entscheiden wäre jetzt gewesen, ob das Zeugnisverweigerungsrecht auch für Filmemacher und für die Mitarbeiter unabhängiger Fernsehproduktionsfirmen gelten soll. Der zuständige Richter in Berlin gab dem Staatsanwalt inzwischen einen Wink, wie der Fall wieder herunterzuspielen wäre: indem man Heike Sander der Mittäterschaft an jener Frauendemonstration beschuldigt. Aus dem Strafverfahren gegen „Unbekannt“ wurde damit inzwischen ein Strafverfahren gegen Heike Sander. Indizien für ihre Mittäterschaft: In ihrer feministischen Filmzeitschrift tauche das gleiche Symbol auf wie bei der Demonstration (die Faust im Kreis, ein internationales Wahrzeichen); andere Frauen sollen versucht haben, Heike Sander bei ihrer Festnahme zu befreien; und vor allem: sie habe offenbar schon vorher von der Aktion gewußt. Womit das Gericht dann doch wohl oder übel beim Zeugnisverweigerungsprivileg wäre. Sollte es nämlich nur gelten, wenn ein Reporter vorher nichts von den Taten ahnt, deren Zeuge er wird, so wäre es wertlos. Der Bericht in der ZEIT hat den Bundestagsabgeordneten H. P. Reiser zu einer Anfrage im Bundestag veranlaßt: Ob sich das Bundesjustizministerium der Lückenhaftigkeit der Gesetzesnovelle bewußt sei. Die Antwort fiel mehr als vage aus, die Anfrage wird erneuert. Die Berliner Justiz mußte sich inzwischen davon überzeugen, daß die Person, deren Name auf dem bei der Demonstration verteilten Flugblatt figuriert und die die Hauptbeschuldigte abgeben sollte, nicht belangt werden kann: Ihre Adresse („Frauenallee 1 a“) ist fingiert, ihr Name ebenso – „Alexandra Kollontai“, die russische Revolutionärin und Frauenrechtlerin, wurde 1952 beigesetzt.

Es dämmert bei den Göttern

Zwei Tage nach der vom Publikum mit einem Proteststurm sondergleichen und von der Kritik mit einhelligen Verrissen quittierten Frankfurter „Götterdämmerung“-Premiere (Regie: Peter Mussbach; Bühnenbild: Rolf Glittenberg) machte Frankfurts Operndirektor Christoph von Dohnanyi Rückzüge: „Die sachliche Kritik an der Aufführung besteht meiner Ansicht nach zu recht“ und setzte die Aufführung ab, bis „sich überzeugende Lösungen der Probleme absehen lassen“. Zweifellos tut von Dohnanyi gut daran, die Inszenierung nicht dem Skandalhunger sensationslüsterner Schreihälse auszuliefern. Ebenso gewiß aber ist: die Erkenntnis, daß die Aufführung so nicht vorzeigbar sei, kam von Dohnanyi reichlich spät; und seine Sicherheit, daß „alle Beteiligten aus den bei dieser Produktion gemachten Erfahrungen die richtigen Schlüsse ziehen werden“, steht so lange in Frage, wie Dohnanyi sich generös zurückzieht auf seine „Pflicht als Theaterleiter, dem Regisseur und Bühnenbildner durch die Aufführung Gelegenheit zu geben, die Tragfähigkeit der von ihnen vertretenen Konzeption unter Beweis zu stellen“. Schließlich hatte die Aufführung auch noch einen Dirigenten: Christoph von Dohnanyi.

Der Bayerische Rundfunk bleibt sauber

Dem Fetisch Ausgewogenheit war reichlich Tribut gezollt: Der Angeklagte Klaus Staeck trat auf, sein Hauptgegner, der CSU-Abgeordnete Schulze-Vorberg, und als neutraler Sachverständiger ein Münchner Museumsdirektor. Am 11. März sollte der acht Minuten lange Film über den Karikaturisten und Plakatkünstler Staeck im politischen Wochenmagazin „Das aktuelle Studio“ im 3. Programm des Bayerischen Rundfunks (BR) laufen. Der Redakteur hatte den Beitrag abgenommen, der Programmbereichsleiter auch, rief aber zur Vorsicht ein paar Stunden vor der Sendung noch den BR-Chefredakteur Rudolf Mühlfenzl an, der gerade in Saarbrücken war. Dessen Gebot: liegenlassen. Später bot der Autor Eberhard Büssem, um seinen Film zu retten, Schnitte an, aber am 21. März entschied Mühlfenzl endgültig gegen ihn. Der BR, heißt es, könne Staeck kein Forum für seine politische Agitation bieten und wolle sich nicht der Kampagne gegen Strauß anschließen. Der vielgeschmähte CSU-Chef, auf einem Staeck-Poster als Metzger verunglimpft, scheint wenigstens seinen getreuen Münchner Sender vom allgemeinen Saustall-Ruch freihalten zu können.