Die Gewerkschaften sind bei den deutschen Angestellten wenig beliebt

Noch nie in seiner 25jährigen Geschichte hatte der Deutsche Gewerkschaftsbund DGB so viele Arbeitnehmer in seinen Reihen versammelt wie heute. Doch noch immer ist der DGB, trotz der imposanten Zahl seiner jetzt 7,4 Millionen Mitglieder, einem ganzen Heer von Werktätigen ziemlich gleichgültig: den Angestellten.

Mit einer repräsentativen Befragung von Angestellten, die der DGB in Auftrag gab, deren ganzes Ergebnis er jedoch nicht veröffentlichte, konnte sich der Gewerkschafts-Dachverband von dieser Reserve selbst überzeugen. Was die Interviewer des Infas-Instituts im August und September 1974 von einem sorgfältig ausgewählten Angestellten-Querschnitt erfuhren, ist wahrlich keine Schmeichelei für den DGB:

  • Nur neun Prozent der Befragten glaubten, durch die Mitgliedschaft in der Gewerkschaft Vorteile zu haben, und von den interviewten Gewerkschaftsmitgliedern waren 20 Prozent derselben Ansicht;
  • nur zwölf Prozent der Angestellten führten die letzte Gehaltserhöhung auf die Aktivität der Gewerkschaft zurück;
  • sechs von zehn Befragten dagegen hielten den Gewerkschaftsbeitrag für zu hoch, und nur jedem zehnten schienen zehn Mark Monatsbeitrag vertretbar.

Die Auftraggeber der Befragung erfuhren Bitteres auch über die Betriebsräte: „Wo kein Betriebsrat besteht“, so schreibt Infas in seiner Auswertung, „sehen die Angestellten das keineswegs als Schmälerung ihrer Rechte. Im Gegenteil werden Bestrebungen zur Einrichtung einer Personalvertretung als Störung des vermeintlichen persönlichen Vertrauensverhältnisses zwischen Chef und Angestellten empfunden.“

Zu der Angestellten-Umfrage entschloß sich der DGB nicht ganz freiwillig. Zwar war den Funktionären die Apathie, ja Feindlichkeit vieler Angestellter gegenüber der Gewerkschaft längst bekannt: schließlich bleiben die Angestellten mit einem Organisationsgrad von nur rund zwanzig Prozent weit hinter den Arbeitern zurück. Aber erst die Gewerkschaftsschlappe bei den Sozialwahlen im Mai vergangenen Jahres brachte den DGB zu den Motivforschern von Infas. Die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft (DAG), gleichermaßen von den Schalthebeln der Sozialversicherungen verdrängt, wollte sich zunächst ebenfalls an dem Befragungsauftrag beteiligen. Doch ein Gespräch darüber zwischen DGB-Chef Vetter und dem DAG-Vorsitzenden Hermann Brandt brachte kein Ergebnis.

So ärgerlich die Meinungsbefragung für die Arbeitnehmerfunktionäre ausfiel, so wenig Zeit bleibt den Gewerkschaften für das Liebeswerben um die unsolidarischen Angestellten: In zwölf Jahren bereits, so haben Forscher des Nürnberger Instituts Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ausgerechnet, wird es mehr Angestellte als Arbeiter geben.