Washington, im April

Für die meisten Amerikaner ist Indochina ein abgeschlossenes Kapitel, auch wenn in Vietnam und Kambodscha noch gekämpft wird. Selbst im Süden der Vereinigten Staaten, der für seine „Falken“-Tradition bekannt ist, sind nur noch wenige übriggeblieben, die sich mit dem Schicksal Saigons und Pnom Penhs identifizieren. Die panische Flucht der Truppen Präsident Thieus aus drei Vierteln des südvietnamesichen Staatsgebietes hat Washington nach Ansicht vieler Amerikaner nun auch von der letzten Verpflichtung gegenüber Saigon entbunden. Der Vorwurf Thieus, die Vereinigten Staaten übten Verrat, wenn sie jetzt nicht „etwas für das Volk von Vietnam tun“, verpufft ohne Resonanz. Die Amerikaner sind überzeugt, daß sie längst genug für Vietnam getan haben, zumindest in punkto Militärhilfe.

Zur Linderung des menschlichen Leids hingegen würden die Bürger Amerikas gern noch einiges beitragen, aber sie wissen nicht wie, da ihre Regierung noch kein Konzept für humanitäre Hilfe vorgelegt hat. Bisher konzentrierte sich das Mitgefühl auf das Schicksal der vietnamesischen Waisenkinder und die Folgen des Flugzeugabsturzes in Saigon. Doch angesichts der erbarmungswürdigen Szenen aus Vietnam, die täglich vom Fernsehen ins Haus geliefert werden, wird der Wunsch, den Menschen zu helfen, immer lauter.

Das Desaster in Südvietnam bedrückt die Amerikaner, gewiß, doch niemand geht mehr auf die Barrikaden. Der Fall des nichtkommunistischen pro-amerikanischen Landes wird als unabwendbar hingenommen. Es erhebt sich keine Stimme mehr, die ein militärisches Eingreifen fordert, auch finden keine hitzigen Debatten mehr darüber statt, ob die ungeheuren menschlichen und materiellen Opfer Amerikas in Indochina am Ende sinnlos gewesen seien.

Aber garantieren die neue Sachlichkeit und Einsicht, daß die Amerikaner nicht doch noch in Selbstbeschuldigung und Hader verfallen? Schon ist die Sorge laut geworden, daß es zu einer Neuauflage jener bösen, Anfang der fünfziger Jahre geführten Debatte kommen könnte, in der es darum ging, wer die Schuld an der kommunistischen Machtübernahme in China trage. Präsident Ford und Außenminister Kissinger haben die „nationale Einheit“ als Gebot der Stunde proklamiert. Doch hat gerade die Regierung mit ihren Vorwürfen gegen den Kongreß viel dazu beigetragen, neuen Hader zu stiften.

Dabei ging es vor allem um die Frage, zu welcher Hilfeleistung Washington sich verpflichtet habe. Die Ford-Regierung behauptete, die Vereinigten Staaten hätten sich beim Abschluß des Pariser Vietnam-Abkommens gegenüber Thieu verpflichtet, so viel Militärhilfe wie nötig zu leisten; da der Kongreß aber seit Mitte 1973 mit Hilfe gegeizt habe, sei er mitverantwortlich für den Verlust Vietnams. Mittlerweile fanden Kongreß und Presse freilich heraus, wie unfundiert solche Behauptungen sind. Das Pariser Abkommen gab Amerika zwar das Recht, die militärische Ausrüstung der südvietnamesischen Armee Stück für Stück zu ersetzen. Eine Verpflichtung dazu wurde indes nicht eingegangen, zumindest keine, die der Öffentlichkeit bekannt geworden wäre. Der Kongreß brauchte den Pariser Vertrag nicht zu ratifizieren, da es ein Regierungsabkommen war. Eine bindende Hilfeverpflichtung lag und liegt also nicht vor.

Außenminister Kissinger wich schließlich auf die Lesart aus, die Regierung Thieu „hätte allen Grund gehabt zu glauben“, daß die Vereinigten Staaten auch über den Januar 1973 hinaus ausreichende Militärhilfe bereitstellen würde, selbst wenn – so Kissinger wörtlich – „wir keine genauen Zahlen oder irgendein endgültiges Versprechen gegeben haben“. Verteidigungsminister Schlesinger enthüllte, daß Thieu sich auf „geheime mündliche Zusagen“ Amerikas berufen könne, nach denen Washington militärisch helfen wollte, wenn die kommunistische Seite den Pariser Vertrag massiv verletze. Doch auch solche Zusagen sind für den Kongreß in keiner Weise bindend, zumal Kissinger im Januar 1973 geheime Absprachen mit Saigon vehement in Abrede gestellt hatte.