Buenos dias, verehrter Leser. Um den versprochenen Welt-Rundflip habe ich Sie betrogen, tut mir leid. Was bringt einen Freiflipper, der genügend Geld, Fernweh und den Plan für eine anderthalbjährige Weltreise hat, was bringt ihn dazu, in Südamerika hängenzubleiben, den übrigen Globus auf vielleicht später mal zu verschieben und in den Schwarzwald zu retirieren?

Zunächst, wie fing das an? Da entwickelte sich ein Horror vor der Abhaktouristerei, der Durchgangsnascherei, wo einen der stets gespannte Highspeed-Verschluß voranstreßt. Und nach anfänglicher Bewunderung lehnte ich auch jenes schwielige Globetrottertum ab, das schon vier Kontinente unter abgelaufener Sohle hat, Kamera längst weggeschmissen, und Eindrücke konsumiert, als wär’s das täglich Bier. Ich fühlte mich mehr zu den Hängern hingezogen – nicht zu den Dopeburschen, versteht sich, sondern zu den Hängern, die hier ein Vierteljahr weben lernen bei Indios, da ein Dschungeldorf aufbauen, dort eremitieren zwischen Fünftausendern und dem Bücherberg. Und einer Liste von 27 südamerikanischen Abenteuerlein.

Und so kicherte in Cuzco jede Marktmatrone über den verrückten Gringo, der Ponchos und Pullover an Inkamauern festpinnte für Photos. Im Goldkaff Tipuani bekam der Alemán, der neun Stunden täglich buddelte ohne Mittagsbanane, drei Angebote auf Mineneröffnung. In La Paz gaben Bilderhändler Tips für eine Kooperative naive Indiomaler. In Santa Cruz bot man tausend Hektar guten kostenlosen Dschungel. In Rio weinte man über den Depp, der vom wohlausgestatteten Brautbett sprang, als sein inneres Stimmchen ihn weitertrieb.

Leser, wenn du eingeschlafene Füße hast im heimischen System und noch ein Flämmchen Freiheitssehnsucht in dir zucken fühlst, sag „tschüß“ für ein Probejahr. Denn keiner ist unabkömmlich, es sei denn, ein Neugeborenes hält ihn an der Wiege fest.

Unbezahlbar ist, was er an Bewußtseinsklärung und Selbstvertrauen gewinnt. Und falls er zurückkommt und nur einen Millimeter Offenheit, ein Jota Toleranz, ein Gramm bescheidenere Lebensart mitbringt, hat er sich und der kranken Gesellschaft mehr geholfen als mit zehntausend Mark Einkommensteuer. All die Startängste, die sich zusätzlich zu wohlbekannten Widerreden über das Freiheitsflämmchen schichten, sind unnütz!

1. Der Freiheitsuntrainierte geht eben nicht unter nach dem Sprung ins kalte Wasser. Denn ungeahnter Aktivgeist erwacht.

2. Das Ungewisse, Unprogrammierbare pustet ihn eben nicht in höllische Ausweglosigkeit, sondern schenkt ihm oft und oft unglaubliche Hilfe. Einzige Bedingung ist „positives Wollen“, nicht psychogeschädigte Miesepetrigkeit. Und natürlich maßvolles Risiko.