Als er elf Jahre alt war, weinte er bitterlich, wenn er verlor. Mit zwölf war er im berühmten Manhattan Chess Club schon fast unschlagbar. Mit 13 spielte er eine „Partie des Jahrhunderts“, mit 14 wurde er USA-Schachmeister, mit 15 der jüngste Großmeister aller Zeiten, mit 16 verließ er die Schule und sagte: „Das einzige, was ich je tun werde, ist Schach spielen.“

Er wollte nicht nur Weltmeister werden, er wollte „die Selbstachtung seiner Gegner zermalmen“ (Fischer), er wollte beweisen, daß man mit Schach so viel Geld verdienen kann wie Cassius Clay mit Boxen oder Elvis Presley mit Singen.

Mit 29, nachdem er mehrmals für Jahre von der Bildfläche verschwunden war, wurde er Weltmeister, hatte er eine Riesenbörse von über einer Million Mark gemacht, hatte er mehrere Weltklassespieler psychisch zermalmt. Großmeister Taimanow: „Mir bleibt nur noch die Musik“, Exweltmeister Petrosjan: „Ich spielte nur noch, wie er wollte“, und Exweltmeister Spassky: „Ich war nervlich am Ende.“

Gleichzeitig aber hat Fischer, „unsagbar egozentrisch, verzogen, dickköpfig und rücksichtslos“ (Kritiker Harald C. Schonberg), mit seinen Terroraktionen während des Weltmeisterkampfes in Reykjavik mehr zur Popularität des Schachspiels beigetragen als je ein Spieler vor ihm.

Vor drei Jahren hatte er alles erreicht, was er wollte, Weltmeister und kaputte Gegner, Millionär und Millionen von Fans. Seitdem aber scheint er an alledem nicht mehr interessiert. Zum Kampf gegen Herausforderer Karpow tritt er nicht an, weil der internationale Schachverband endlich einmal einer Fischer-Forderung nicht nachgab: der Forderung, die Regeln zu ändern. Irgendwo im Versteck pfeift Fischer auf über drei Millionen Dollar Siegprämie und auf die Freude von über drei Millionen Fans; anscheinend will er alle Schachfreunde jetzt „psychisch zermalmen“. Ist das sein neues Ziel? Oder ist er schachmüde wie das frühere US-Schachgenie Paul Morphy, das als Weltmeister aus Langeweile in geistige Umnachtung fiel? Ist er nur ein bißchen verrückter als alle anderen Schachmeister: ein Schachmeister, der schweigt: „Das einzige, was ich niemals tun will, ist Schach spielen“? Wolfram Runkel