Von Karl-Heinz Janßen

Die Welt hatte sich längst angewöhnt, den alten Mann mitleidig zu belächeln, der seit einem Vierteljahrhundert unentwegt verkündete, er werde von der Insel Taiwan aus das chinesische Riesenreich zurückerobern: Tschiang Kai-schek, ein Napoleon, der nie den Sprung von Elba geschafft hat. Noch in seinem Testament, fünf Tage vor seinem Tod verfaßt, ermahnte er sein Volk, dieses Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.

Starrsinn eines unbelehrbaren Greises? Mangelnder Wirklichkeitssinn eines geschlagenen Staatsmannes, über den die Geschichte hinweggegangen ist? Lebenslüge einer gescheiterten Existenz? Die Chinesen sehen es anders. Man weiß, daß Mao Tse-tung die Standhaftigkeit seines Erzfeindes heimlich bewundert hat – er war aus demselben Holz geschnitzt. Als er sich 1927 mit einer kleinen Schar Versprengter in die Berge verkroch oder 1935 nach dem Langte Marsch mit den kläglichen Resten der Roten Armee in den Lößhöhlen von Shenzi untertauchte, hatte er seinen Anhängern auch nichts weiter zu bieten als den Glauben an die einzige Sache und die Hoffnung auf den Sieg in ferner Zukunft. Man vermeint Mao in den dunkelsten Jahren seiner politischen Existenz zu hören, wenn man die letzte Botschaft liest, die Tschiang Kai-schek im November an seine Partei richtete.

„Wir sind, auf den ersten Blick, den chinesischen Kommunisten an Zahl weit unterlegen. Tatsächlich aber sind wir geistig stark, und sie sind schwach. Wir sind im Recht, sie sind im Unrecht. Wir sind gütig, sie sind tyrannisch. Wir haben große Unterstützung im Volk. Sie haben nur wenig. Der Wind bläst in unserer Richtung und ihnen ins Gesicht.“

Tschiangs Sohn, Tschiang Tsching-kuo, der neue starke Mann auf Taiwan, sprach bisher genauso, aber vielleicht verbot ihm nur die Ehrfurcht vor dem Vater, seine Sprache den Realitäten anzupassen. Vermag er die Vision von der Rückkehr auf das Festland noch am Leben zu halten, wo das Charisma des großen „Tsungtsai“ geschwunden ist? Seit er vor ein paar Jahren als Ministerpräsident die Zügel in die Hand genommen hat, konzentrierte er sich ganz auf die Aufgabe, Taiwan als Industriestaat auszubauen und seine enorme wirtschaftliche Stärke trotz Inflation, Ölkrise und außenpolitischer Isolierung zu bewahren. Sicherlich wird er nicht von einem Tag auf den anderen die außenpolitischen Prinzipien seines Vaters und der Kuomintang über Bord werfen. Doch wird er nüchterner die Optionen wägene, die sich ihm in Zukunft bieten:

1. Tschiang Tsching-kuo könnte, nach dem Vorbild der Bonner Ostpolitik, den Alleinvertretungsanspruch aufgeben und auf Taiwan einen zweiten Staat chinesischer Nation begründen. Die Voraussetzungen sind günstig. Taiwan ist nach Japan der wirtschaftlich stärkste Staat in Asien. Es unterhält, trotz des Auszugs aus der UN, mit 128 Ländern der Welt wirtschaftliche Beziehungen. Es hat eine starke Verteidigungsmacht, Überdies könnte diese Selbstbescheidung auch die Spannungen abtragen helfen, die zwischen den vierzehn Millionen einheimischen Inselbewohnern und den zwei Millionen Festlandchinesen bestehen, die 1949 mit Tschiang Kai-schek nach Taiwan übersiedelten und seither die Inselprovinz beherrschen.

2. Großzügige Angebote von Peking und die bitteren Erfahrungen mit den amerikanischen Verbündeten könnten Tschiang Tsching-kuo dazu verleiten, Taiwan als autonome Provinz der Volksrepublik zu unterstellen, selbstverständlich mit ungeschmälertem wirtschaftlichen Bestand und ohne Änderung der privatkapitalistischen Gesellschaftsordnung. Es gibt zwischen dem kommunistischen Regime und der Kuomintang ja eine Reihe von Gemeinsamkeiten: Beide berufen sich auf Sun Yat-sen, dem Vater der chinesischen Republik, beide Parteien sind nach leninistischem Vorbild organisiert, beide ordnen die individuellen Freiheiten dem Gemeinwohl unter. Andererseits sind die Unterschiede – Wohlstand hier, revolutionäres Spartanertum dort – so gravierend, daß vorerst weder dem einen noch dem anderen an einer vollständigen Verschmelzung gelegen sein kann.