Gemessen an der absoluten Höhe des versteuerten Gewinns hat die Commerzbank im vergangenen Jahr ihr bisher zweitbestes Jahresergebnis nach dem Kriege erzielt. Nur 1969 lag der Steueraufwand mit 77,5 Millionen Mark noch höher als 1974 mit 71,9 Millionen. Für die in diesem Jahr dividendenbewußter gewordenen Aktionäre stellt sich natürlich sofort die Frage: Ist es jetzt nicht endlich an der Zeit, die Dividende von 8,50 auf 9 Mark je 50-Mark-Aktie zu erhöhen und mit dem Dividendensatz der Dresdner Bank gleichzuziehen?

Paul Lichtenberg, Sprecher des Vorstandes, beugte auf der Bilanzpressekonferenz solchen Forderungen vor. Nach seiner Meinung müsse man die Geschäftsjahre 1973 und 1974 zusammen sehen. Dabei trat er in jene Betrachtungsweise ein, die vor ihm schon der Vorstand der Bayerischen Vereinsbank in München angewandt hatte. Sie ist kurz auf folgende Formel zu bringen: 1974 + 1973 : 2 = 1972. Und 1972 war ein Normaljahr.

Ob diese Rechnung überzeugend ist, meine verehrten Leser, wollen wir dahingestellt sein lassen. Gelten lassen muß man aber wohl die These Lichtenbergs, wonach derjenige, der in schlechter Zeit Dividendenkontinuität erwartet, sie auch in einem guten Jahr akzeptieren sollte. Daß 1973 für die Commerzbank – und nicht nur für sie – ein schlechtes Jahr war, sieht man eigentlich erst jetzt deutlich, da die 1974er Bilanz vorliegt. Die Dividendenzahlung für 1973 war nur möglich unter Mobilisierung stiller Reserven. Damals konnte den offenen Rücklagen kein Pfennig mehr zugeführt werden, 1974 sind es immerhin 30 Millionen Mark. Dabei kann man unterstellen, daß die Bank 1974 alle Möglichkeiten der steuerfreien Gewinnverwendung voll ausgeschöpft hat. Nur so ist der Ausspruch Lichtenbergs zu verstehen: „Wir haben, die Bank ganz sauber gemacht

Dort, wo auch nur der Anschein eines Risikos vermutet wird, sind entsprechende Rückstellungen gebildet worden. Der Beitrag von 22,5 Millionen zum Feuerwehrfonds der deutschen Banken ließ sich leicht verschmerzen. Das gleiche gilt für die Rückstellung von 20 Millionen Mark für den Schaden, den der frühere Leiter der Buchhaltung des Hauptgeschäftes Frankfurt, Edler, der Bank zugefügt hat. Von dem veruntreuten Geld ist etwa die Hälfte wieder aufgefunden worden, in Brasilien, Italien, in der Schweiz, in Österreich, den Niederlanden und auch in der Bundesrepublik. Deshalb wird sich die Wertberichtigung, wenn die Gelder wieder zurückgeflossen sind, merklich vermindern.

Aber zurück zur Dividende: Die Aussichten, daß sie künftig höher sein wird als heute, sind nicht schlecht. „Wenn 1975 so gut verläuft wie 1974, könnte ich mir eine Dividendenanhebung vorstellen“, meinte Lichtenberg. Gleichzeitig schränkte er aber ein: Neun Mark je Aktie (oder 18 Prozent) stellen für ihn die Schallmauer dar. Damit ist nicht gesagt, daß dann die Commerzbank-Aktie als festverzinsliches Papier zu betrachten ist. Die Commerzbank würde gegebenenfalls den Weg der Kapitalberichtigung (Gratisaktien) beschreiten, ehe sie den Dividendensatz über 18 Prozent anhebt. Ein sicherlich begrüßenswerter Standpunkt in einem Lande, in dem die Dividendenhöhe immer noch zum Klassenkampfinstrumentarium gehört.

Zur Dividendenpolitik der Banken gehört aber noch ein anderer „Sachzwang“. Es schadet dem Ansehen der Bank, besonders im internationalen Geschäft, wenn in einem Jahr einmal die Dividende gekürzt werden muß. Um solchen Schadenfolgen zu entgehen und dennoch eine ertragsbezogene Ausschüttungspolitik treiben zu können, sind einzelne Banken auf den gespaltenen Ausschüttungssatz verfallen, der sich aus Dividende plus Bonus zusammensetzt. Über den Sinn einer Bonuslösung läßt sich lange streiten. Persönlich bin ich der Meinung, daß ein Bonus eine Ausnahme bleiben sollte und allenfalls bei 100jährigen Jubiläen statthaft ist. Aber ich erkenne an, daß bei Kreditinstituten eben besondere Verhältnisse herrschen, die daraus herrühren, daß alles vermieden werden muß, was die Bonität eines Instituts in Frage stellen könnte. Eine deutsche Bank könnte sich keinen Verlustabschluß leisten, wie ihn für 1974 der staatliche Crédit Lyonnais, zweitgrößtes französisches Bankinstitut, vorlegen muß. Hinter dem Crédit Lyonnais, übrigens einer der „Europartner“ der Commerzbank, steht notfalls der französische Staat. Damit ist eine andere Vertrauensbasis gegeben.

Wenn schon Lichtenberg mit einer Dividendenerhöhung für 1975 winkt, so wird es Sie sicherlich interessieren, meine verehrten Leser, wie denn die Aussichten für die Bank in diesem Jahr sind. Ob sich die guten Ergebnisse aus dem Kreditgeschäft des Jahres 1974 wiederholen lassen, ist zumindest zweifelhaft. Im bisherigen Verlauf des Geschäftsjahres war die Kreditnachfrage schwächer als im Vorjahr. Die Debitoren sind gegenüber dem Jahresendstand um 800 Millionen Mark zurückgegangen. Daher konnte die Bank mit der Hereinnahme relativ teurer Termineinlagen zurückhaltend sein. Diese Gelder baute sie um 300 Millionen Mark ab. Da auch in den nächsten Monaten noch keine Belebung des Kreditgeschäftes erwartet wird, ist mit einem verschärften Wettbewerb der Banken um gute Schuldner zu rechnen. Dies wird den Zinssenkungsprozeß fördern, aber auch die sogenannte Zinsmarge der Banken drücken.