Arnd Krüger, als 1500-Meter-Läufer hervorgetreten, legt nun im Verlag Fackelträger ein Buch mit dem Titel „Sport und Politik“ vor, das den weiten Bogen von Turnvater Jahn bis zum Staatsamateur schlägt. Der Autor versucht zu beweisen, daß das gesellschaftliche Phänomen Sport sich von Anfang an in den Dienst der Politik gestellt habe. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) kommt bei Krüger deshalb auch nicht gut weg. Das IOC der dreißiger Jahre wird schlechtweg als reaktionär bezeichnet.

Tatsächlich hat aber der damalige Präsident, der belgische Graf Baillet-Latour, sich mehrmals energisch Hitler widersetzt, was allerdings in der bisherigen sportgeschichtlichen Literatur nicht bekannt zu sein scheint. Vielleicht gibt es keine oder nur ungenügende Protokolle darüber. Dr. Krüger, heute Dozent an der Pädagogischen Hochschule in Berlin, vertritt die Ansicht, daß die Zulassung der Nichtarier, wie es damals hieß, nach den Nürnberger Gesetzen gehandhabt worden sei, und bringt dazu die Beispiele der Fechterin Helene Mayer und der Hochspringerin Gretel Bergmann.

Über Helene Mayer, Olympiasiegerin 1928, schreibt Krüger: „Mit Helene Mayer nahm eine Halbjüdin an den Spielen teil. Ihre Begeisterung, für Deutschland starten zu dürfen, war so groß, daß sie hierfür extra aus dem kalifornischen Exil ins Reich zurückkehrte ... Die Silbermedaille der Halbjüdin wurde jedoch in der deutschen Presse fast völlig verschwiegen.“

Der Fall Helene Mayer liegt aber differenzierter. Die „blonde Hee“, die bis 1933 die Titelseiten der Illustrierten zierte, war 1932 als Austauschstudentin nach den Olympischen Spielen von Los Angeles in Kalifornien geblieben. Nach der „Machtübernahme“ in Deutschland verlängerte sie ihren Aufenthalt in den USA, besaß aber noch einen deutschen Paß. Nachdem sie 1928 und 1932 bereits als deutsche Staatsangehörige bei der Olympiade angetreten war, hätte sie auch als Amerikanerin 1936 in Berlin nicht starten dürfen. Da ihre Mutter, ihre Brüder und Freunde noch in Deutschland waren, kehrte sie so oft wie möglich in ihre Heimat zurück und wollte gern hier wieder leben, wenn man ihr ein erträgliches Dasein erlauben würde.

Als Helene Mayer 1936 die Silbermedaille gewann, wurde ihr von Hitler beim Empfang der deutschen Olympiamannschaft in der alten Reichskanzlei ein Blumenstrauß mit einem persönlichen Glückwunschschreiben überreicht. Helene Mayer glaubte, daß sie nun das wenig geliebte Amerika verlassen und in Deutschland bleiben könne. Freunde von ihr zweifelten. 1937 gewann die große Fechterin, nach der im olympischen Gelände in München eine Ringstraße benannt ist, dann in Paris die Weltmeisterschaft vor der ungarischen Olympiasiegerin Elk-Schachner. Als sie in Frankfurt am Hauptbahnhof ankam, fragte sie: „Was schreibt die deutsche Presse?“ „Die deutsche Presse schreibt kein Wort“, war die Antwort eines Freundes. „Dann muß ich doch in Amerika bleiben.“ Nach dem Kriege kam Helene Mayer nach Deutschland zurück, heiratete einen bekannten Architekten, starb aber schon 1953, 42jährig, an einem Karzinom. Ein Leben voller Triumph und Tragik.

Sechsmal, von 1940 bis 1948, wurde Helene Mayer amerikanische Meisterin im Florettfechten. Sie hätte gar zu gern an den Olympischen Spielen 1948 in London teilgenommen, was aber unmöglich war, da sie ja die Nationalität gewechselt hatte.

Der Fall Bergmann ist anders gelagert. Die Hochspringerin war Jüdin. An einigen Ausscheidungsspringen hatte sie 1936 mit wechselndem Erfolg teilnehmen dürfen. Aber bei der entscheidenden deutschen Meisterschaft im Stadion des Sportclubs Charlottenburg (SCC) durfte sie nicht antreten. „Reichssportführer“ von Tschammer und Osten schrieb ihr einen Brief, daß sie leider wegen ihrer ungleichmäßigen Leistungen nicht an den Endausscheidungen berücksichtigt werden könne. Aber da sie nur so knapp gescheitert sei, schicke er ihr einen „Olympiapaß“ zum freien Eintritt für alle Olympiaveranstaltungen. Gretel Bergmann besaß nun den Mut und schickte den Olympiapaß zurück. Sie emigrierte später nach England. Kein Zweifel, daß sie unbedingt zur deutschen Meisterschaft hätte zugelassen werden müssen. Nun spricht dieses Vorgehen scheinbar für die These Krügers, daß in diesen beiden Fällen nach den Nürnberger Gesetzen verfahren wurde und das IOC ohne Widerstand zugestimmt hätte.