Von Gottfried Sello

Meret Oppenheim – ein Irrlicht, das durch die neuere Kunstgeschichte geistert, das in den reichlich ungesicherten Annalen des Surrealismus auftaucht, ein Name, der sich mit gewissen phantastischen Objekten verbindet, mit der Pelztasse, die in New York im „Museum of Modern Art“ zu besichtigen ist. Die Zweifel an der realen Existenz nicht der Tasse, aber der Künstlerin sind damit ebenso wenig ausgeräumt wie durch die Photographien, die Man Ray von ihr gemacht hat. Sie zeigen ein bildschönes nacktes Mädchen hinter einem riesigen Lenk- und Zahnrad, aber die surrealistische Photographie kann reale Beweiskraft nicht beanspruchen.

Und ist Max Ernst ein zuverlässiger Zeuge, oder hat er das Mädchen namens Meretlein erfunden? „Mit fünfzehn Jahren verläßt sie Vater, und Mutter, um den halbwüchsigen Eisenbahnen und den ihr wichtigsten Seezungen nachzujagen. Mit zwanzig verschließt sie sich vornehm in eine Luftspalte und verschluckt den Schlüssel. Nach vierzigtägigem Fasten bricht sie plötzlich aus und spielt seitdem gerne – warum wohl? – mit den Griffelfortsätzen der Küstenländer und Vorgebirge. Die Schiffbrüchigen und die Gichtbrüchigen – Mit einem Wort, sie ist ein lebendes Exempel für den uralten Lehrsatz Das Weib ist ein mit weißem Marmor belegtes Brötchen. Wer überzieht die Suppenlöffel mit kostbarem Pelzwerk? Das Meretlein. Wer ist uns über den Kopf gewachsen? Das Meretlein...“

Dachte Max Ernst, als er 1936 die poetische Biographie der Meret Oppenheim verfaßte, an den „Grünen Heinrich“, an das Hexenkind Meretlein, „das außerordentlich feine und kluge Mädchen, das erwachsene Mannspersonen verführt hätte, daß selbe sich sterblich in das kleine Kind verliebt hätten“? Selbst die Fische im Wasser habe es gebannt, indem es tagelang am Ufer saß und die „alten klugen Forellen verblendete, daß sie bei ihm verweilten und in großer Eitelkeit vor ihm herumschwänzelten, sich in der Sonne spiegelnd .. Die solide Schweizer Prosa von Gottfried Keller gerät bei der Meretlein-Episode unversehens in den surrealen Sprachraum eines Max Ernst – der Zauber der kleinen Hexe wirkt auf alte Forellen offenbar unwiderstehlich.

Meret Oppenheim wurde in Berlin-Charlottenburg geboren, wuchs in der Schweiz auf. Ihr Vater war ein literaturbeflissener Arzt, der den „Grünen Heinrich“ kannte und das Meretlein liebte. Wer ist Meret Oppenheim? „Verklärt und verunklärt zugleich, ist sie bis heute in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts eine Legende“, schreibt Hans Christoph von Tavel, der im Katalog der Ausstellung im Wilhelm-Lembruck-Museum in Duisburg die „Spuren zu einer Biographie“ veröffentlicht, eine schöne und wichtige Arbeit, bei der ihn die Künstlerin unterstützt hat. Wichtig, weil im Fall der Meret Oppenheim die Biographie gewissermaßen einen Teil des Werkes darstellt. Oder auch umgekehrt: die einzelnen Werke sind nichts anderes als Materialisationen von biographischen Momenten, sind Einfälle und Improvisationen, die auf bestimmte Situationen fixiert sind, und wenn man die einzelnen Arbeiten addiert, ergibt die Summe eine biographische Einheit: das Leben der Meret Oppenheim. Insofern ist ihre Kunst allerdings eine private, sogar eine höchst privatistische Angelegenheit, weil sie zu nichts anderem dient und tauglich ist, als das eigene Leben in eine poetische Dimension zu transformieren, wobei es wiederum gleichgültig ist, auf welche Weise, in welchem Medium das geschieht, durch Zeichnungen, Bilder, Briefe, Widmungen, Objekte oder Gedichte.

Gedichte, die sich als eine persönliche Konfession verstehen und zugleich in die große surrealistische Tradition gehören:

Am Anfang ist das Ende