Von Wolf Donner

Lauter neue Kinos in den Großstädten, höhere Umsätze der Filmindustrie, respektable deutsche Filmerfolge im Ausland, zwei geplante große Filmzeitschriften in Hamburg und Berlin, Gerüchte, daß man wieder ins Kino geht, wieder über Filme spricht: die Branche verkündet den neuen Optimismus. Warum dann eine „Selbsthilfeaktion“ kleiner deutscher Filmtheater, ein Interessenten verband vorwiegend junger, engagierter Kinomacher, die in zermürbender Kleinarbeit eine eigene Verbraucher-Organisation aufzubauen versuchen?

Weil, zum Beispiel, das Filmangebot qualitativ schon wieder verflacht, wichtige alte Filme nicht präsentiert und immer mehr neue, etwa aus den USA, gar nicht erst importiert werden, weil der Schein-Boom in der City den Kinopark in der Provinz und an der Peripherie systematisch aushungert, weil die vielgelobten neuen deutschen Filme im heimischen Kino kaum noch eine faire Chance bekommen.

Die zur Zeit 42 Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Kino (AGK) sind daher wichtiger als je zuvor; in Hamburg trafen sie sich jetzt zu einer Arbeitstagung und einer kleinen Filmmesse für ihre rund 65 Spielstellen im Bundesgebiet und in Westberlin. Die Vorführungen im Abaton-Kino, fünf Tage lang, waren meist nur dünn besucht, debattiert und konferiert wurde aber ununterbrochen: das „zweite Kino“ im Stadium der Ernüchterung, einer ersten selbstkritischen Bilanz, eines zunehmend professionellen Pragmatismus; und auf dem mühseligen Marsch durch die Institutionen.

Die AGK hat seit der Gründung 1972 viel erreicht, hat mitgeholfen, den Film als historisches, politisches, ästhetisches, als Informations- und Kommunikations-Medium wieder erfahrbar zu machen, hat vor allem eine große Anzahl vergessener, verdrängter, verschmähter Filme an ein neues, junges Publikum herangebracht. Mehrere statistische Erhebungen haben kürzlich ermittelt, wer in Deutschland am häufigsten Kinos besucht: Städter, überwiegend männlich, höhere Bildung, Alter zwischen 14 und 30. Gerade diese Zuschauer gehen in die kommunalen, unabhängigen Programm-Kinos, von denen einige unter den bestbesuchten der Bundsrepublik rangieren. Aber natürlich bleibt die AGK, quantitativ und wirtschaftlich gesehen, ein peripherer Faktor, ein David gegenüber dem Goliath des übrigen Marktes, also gegenüber den großen Verleihen, den mächtigen Kinoketten, dem Fernsehen.

Aber dieser Goliath fühlt sich bedroht. Bis auf kleine Ausnahmen boykottierten die amerikanischen Verleihe die Kinotage: Von den Erstaufführungskinos unter Druck gesetzt und durch AGK-Hits wie „Harold and Maude“ äußerst verwirrt (es ist einer jener Filme, die der Verleih als zu riskant ablehnte und nur deshalb der AGK überließ), sperrten sie ihre Filme, auch solche, die nur in den alternativen neuen Kinos der AGK reüssieren können. Die Wirtschaftsverbände der Filmtheater erschweren mit ihrer versierten Lobby der AGK die Arbeit, wo sie können, und das Fernsehen verweigert Kopien, blockiert Aufführungsrechte für Filme, die es selbst ausstrahlen will, und kauft solche, für die sich die AGK engagiert – die ARD hat allein vier Filme aus dem Programm der Hamburger Kinotage 1974 erworben.

Davids Schleuder in diesem Kleinkrieg sind die unerwarteten kommerziellen Erfolge (neben „Harold and Maude“ etwa „Themroc“, „The Härder They Come“, „The Boyfriend“ und viele Musikfilme), eine zunehmend verständnisvolle Haltung der Presse, das wachsende Stammpublikum und laufend neue AGK-Mitglieder. In Zukunft wollen sie die Verleihe trotz deren Reserve zur Mitarbeit ermuntern und den alten Plan einer Programmwerkstatt, also eine Art Dramaturgie, verwirklichen; sie wollen, natürlich, noch mehr rationalisieren, koordinieren, kooperieren. Und sie haben ihre eigene Filmstaffel auf über dreißig erweitert: kleine Serien von Hawks und Lubitsch, mit Mae West und Marlene Dietrich, amerikanische Anti-Nazi-Filme, Dokumentationen über Idi Amin Dada und Mikis Theodorakis, Filme von Ashbys „Harold and Maude“ über Duviviers „Anna Karenina“ bis zum legendären „Pharao“ von Jerzy Kawalerowicz; dazu eine Jahresausgabe der ersten Nachkriegs-Wochenschauen von 1945.