Von Reimar Lust

Die finanziellen Ressourcen sind stets beschränkt. Aber heute muß verstärkt gespart werden. Die Frage, wer wo wieviel investieren kann, stellt sich allenthalben. Dies gilt auch für die Forschung. Wer soll hier das knappe Geld bekommen? Die Krebsforscher zu Lasten der Astronomen, weil Krebsforschung für die Menschen nützlicher ist? Oder soll die Energieforschung bevorzugt werden, indem man die Mittel den Physikern fortnimmt, die sich mit den Elementarteilchen beschäftigen, ein Gebiet, das unmittelbaren Nutzen nicht verspricht. Mit anderen Worten: Es stellt sich die Frage, wie kann heute Forschung geplant werden?

Bei allen Überlegungen zur Forschungsplanung und ihrer Erfolgskontrolle taucht seit einiger Zeit die Frage auf: Wie gesellschaftlich relevant ist Forschung eigentlich? Bei den sehr verschiedenen Forschungszweigen, die ihre Eigengesetzlichkeiten besitzen, wird deutlich, wie schwierig es ist, die Forschung an Werten zu orientieren, wie am „Gemeinwohl“, am „gesellschaftlichen Bedarf“, an der „Lebensqualität“ oder gar an der „gesellschaftlichen Wirklichkeit“. Nicht nur, daß die Bewertung des Nutzens und des Bedarfs graduell von der angewandten zur anwendungsorientierten bis zur reinen Forschung abnimmt; auch die Angabe bestimmter Gebiete, auf die man sich sicherlich wird verständigen können, zum Beispiel die Krebsforschung, ist zu allgemein und vage, um der dafür notwendigen multidisziplinären und grundlegenden Forschung irgendeinen nützlichen Rahmen bieten zu können.

Die Vorschläge, Methoden der Priotitätsfindung, zum Beispiel durch Umfragen, zu entwickeln, sind bisher alles andere als überzeugend gewesen. Erinnert sei in diesem Zusammenhang nur an eine Analyse, die 1973 im Auftrage des Bundestages erstellt wurde. Die Tatsache, daß sich bei der dabei angestellten Umfrage die meisten für eine „Verbesserung der Umweltqualität“ als bedeutendes Ziel der Forschungspolitik aussprachen, ist nicht besonders bewegend und ebensowenig überraschend. Auch überrascht nicht, daß die „Förderung des wissenschaftlichen Fortschritts in anderen Forschungsbereichen bei dieser Umfrage am unteren Ende der Skala rangierte; und die Empfehlung, die in der Analyse ausgesprochen wurde, die Ausgaben für Kernenergiegewinnung zu reduzieren, dürfte wohl anders ausgesehen haben, wenn diese Analyse nicht im Frühjahr, sondern im Herbst 1973, während der Ölkrise, unternommen worden wäre.

Notwendige Nachwuchspflege

Aber diese untauglichen Versuche geben uns keine Antwort auf die Notwendigkeit, Forschung mit dem Ziel größtmöglicher Effektivität zu planen. Besondere Schwierigkeiten macht dies im Bereich der Grundlagenforschung, die an den Universitäten und in der Max-Planck-Gesellschaft betrieben wird. Grundlagenforschung ist primär darauf gerichtet, Erkenntnisse zu gewinnen, sie ist nicht unmittelbar auf Nutzanwendung gerichtet. Daher entzieht sie sich weitgehend einer Planung, die ja begrifflich die Kenntnis des Ziels voraussetzt.

Wenn Planung, dann muß diese im Zusammenhang mit der Funktion der Grundlagenforschung gesehen werden. Das heißt, es muß dafür gesorgt werden, daß der „Humusboden“, allgemeinen Quellen neuer Erkenntnisse und das theoretische Fundament für anwendungsorientierte Forschung und für den Innovationsprozeß erhalten bleiben. Der unmittelbare, aufzählbare Nutzen kann nicht Maßstab dieser Forschung sein, denn die Ausweitung grundlegenden theoretischen Wissens – etwa in Physik, Chemie, Biologie – ist Voraussetzung für die Lösung praktischer Probleme künftiger Generationen, ebenso wie unsere Generation wichtige praktische Entwicklungen der Grundlagenforschung vergangener Generationen verdankt. Die Akzeleration dessen, was theoretisch und praktisch der Erkenntnismehrung zugänglich ist, macht eine Konzentration auf Schwerpunkte nötig, wobei in der Durchführung ein erheblicher Spielraum einzuräumen ist.