Von Hanns Grössel

Mit Namen und Werk das einundsechzigjährigen Claude Simon verbindet sich noch immer der Begriff des "nouveau roman". Und obwohl diese Erneuerung der französischen Literaturprosa inzwischen fast schon historisch ist – die ersten programmatischen Aufsätze Alain Robbe-Grillets liegen knapp zwei Jahrzehnte zurück –, obwohl die Autoren, die praktisch zu ihr beigetragen haben, seitdem sehr verschiedene Wege gegangen sind, bleibt die Zuordnung teilweise berechtigt. Denn auch in seinen jüngsten Arbeiten kommt Simon zumindest einer Grundforderung des "nouveau roman" nahe, der Forderung an den Autor, die Welt nicht zu deuten, sondern zu beschreiben, also auch keine Metaphern, keine "seelenspendenden oder häuslichen Beiwörter" zu gebrauchen, wie Robbe-Grillet das genannt hat.

Allerdings findet sich gerade bei Claude Simon für die betont wertungsfreie, deskriptive Erzählweise eine sehr persönliche Motivierung. Mit wörtlichem Anklang an eine Stelle seines ersten Buches, "Das Seil" (1947), hat er 1963 in einem Interview erklärt, seine "Präzision in der Darstellung der Außenwelt" erkläre sich daraus, daß er zweimal dicht vorm Tode gestanden habe, einmal im Kriege, ein andermal während einer Lungenkrankheit. Da er geglaubt habe, sterben zu müssen, habe er sich kein Detail entgehen lassen wollen und Erinnerungen gesammelt, "so wie man einst den Toten Gegenstände aus dem Leben mit ins Grab gab, damit sie von ihnen sich nähren können in dem geheimnisvollen Universum, das fürderhin das ihre sein sollte".

Es liegt nahe, Simons Äußerung als Verständnishilfe für sein neues Buch heranzuziehen –

Claude Simon: "Die Leitkörper", Roman, aus dem Französischen von Irma Reblitz; Luchterhand Verlag, Darmstadt/Neuwied, 1974; 213 S., 30,– DM.

Auch dieses Buch liest sich streckenweise so, als wäre es aus der Perspektive eines Kranken geschrieben, eines Mannes, den eine schmerzhafte Leberentzündung dazu zwingt, sich an einen Straßenhydranten zu lehnen, und der in dieser buchstäblich passiven, das heißt leidenden Haltung die verschiedensten Eindrücke registriert. Wohlgemerkt: streckenweise – die Gesamtoptik des Romans wäre mit einem solchen Deutungsansatz verfälscht; der Leberkranke ist keine Mittelpunktfigur, er ist, wie Gerda Zeltner-Neukomm treffend formuliert hat, "nur ein bisweilen zu Hilfe genommenes Organisationsprinzip", und ebensowenig wie in seinen früheren Büchern, etwa in der "Schlacht bei Pharsalos" (deutsch 1972), zielt in den "Leitkörpern" Simons Methode darauf ab, eine zusammenhängende, auf mehreren Ebenen spielende Handlung perspektivisch aufzubrechen und dann dem Leser die Bruchstücke als zwar schwieriges und anspruchsvolles, aber lösbares Puzzle vorzulegen.

Die Lücken und Brüche, die durch kaleidoskopischen Wechsel zwischen mehreren Bild- und Geschehniskomplexen entstehen, sind gewollt, und nie ist mit letzter Schlüssigkeit auszumachen, wo und wann der Leberkranke den Arzt aufsucht, welches Bild der aufgesplitterten Beischlafszene zugrunde liegt, wo der mehrmals beschriebene Schriftstellerkongreß stattfindet, welche Frau der Kranke aufsucht, welche Vorgänge aus der Kolonisationsgeschichte eines südamerikanischen Landes genau gemeint sind.