Man hat Ivan Illich mit Ralph Nader verglichen. Falsch. „Naderism“ ist für Mich ein Schimpfwort. Es bezeichnet die schlechteste Form, mit dem Drachen zu kämpfen, nämlich sich mit einem anderen Drachen zu verbünden, dem Konsumenten. Und vor allem: Nader bringt die Millionen Verbraucher hinter sich, indem er ihnen das verspricht, was sie sowieso schon wollen; er sorgt dafür, daß „unser System“ besser, sicherer, billiger wird und nicht etwa anders. Mich hingegen will, sie sollen einsehen, daß sie es gar nicht wollen. Seine Arroganz ist nur die Antwort auf die Arroganz der Professionals, die vor allem eines „besser wissen“: daß man es im Prinzip gar nicht anders machen kann, daß es die Alternative, nach der sie Illich so angelegentlich fragen, gar nicht gibt.

Warum Illich so denkt und redet, hat mit der Tatsache zu tun, daß das Vorhandene – unser arbeitsteiliges, ins Unermeßliche gewachsene, verflochtene und abstrakte System – nicht zuläßt, daß man es überhaupt noch anders will. Es hat unseren Willen korrumpiert. Wir sind mitschuldig geworden. Wir mögen nicht zugeben, daß wir nicht mehr anders können, und behaupten darum, daß wir gar nicht anders wollen.

Auf immer neuen Gebieten greift Illich dieselbe unheilvolle Konfiguration an. Kirche und Schule, Verkehrssystem und Gesundheitswesen, Wohnungsbau, Gerichtsbarkeit, Entwicklungshilfe – sie alle haben in seiner Sicht die folgenden vier Eigenschaften, die sie verderben und damit verderblich machen:

1. Diese Institutionen haben machtvolle und unerkannte Nebenwirkungen, ein „hindert curriculum“: sie erteilen eine verdeckte Belehrung. Kirchen befreien nicht nur die Seele zu Gott, sie legen in erster Linie nahe, daß dies nur durch sie geschehen könne; Schulen vermitteln nicht nur Kenntnisse und Fertigkeiten, sie lehren in erster Linie die Wichtigkeit von Schule; die Medizin heilt nicht nur, sie macht die Patienten von sich abhängig. Dies alles verbergen die Institutionen hinter eindrucksvollen, einschüchternden Ritualen oder wissen gar nicht, daß sie es tun.

2. Diese „Institutionen“ sind zu etwas geworden, was Illich „radikale Monopole“ nennt. Ein radikales Monopol heißt: eine Sache dient nicht mehr nur ihrem Zweck, sondern beherrscht – weit über ihre ursprüngliche Funktion hinaus – ganze Lebensbereiche. Das Auto ist ein gutes Beispiel. Eigentlich dient es dem Transport von Gütern und Menschen. Aber längst bestimmt es auch zwanghaft, wie wir unsere Städte bauen, wie wir unsere Zeit einteilen, wieviel Geld wir meinen verdienen zu müssen und wie wir unsere Wirtschaft ordnen: um der Arbeitsplätze in der Autoindustrie willen werden weiter Autos gebaut – mehr, andere, schnellere als wir brauchen und – damit sie gekauft werden – billigere, Vergänglichere, gefährlichere als nötig.

3. Diese „Institutionen“ drängen früher oder später unter die Obhut des Staates, unter seinen rechtlichen und finanziellen Schutz, und entziehen sich damit der einfachsten, elementarsten Anfechtung: der durch das Gesetz des Marktes.

4. Die meisten dieser „Institutionen“ verfahren therapeutisch oder missionarisch – sie lassen sich herab, sie „behandeln“ ihre Benutzer wie Patienten, sie nehmen sie als Partner nicht ernst.