Der Ostberliner Philosoph und Systemkritiker Robert Havemann glaubt nicht an eine baldige Wiedervereinigung. In einem Beitrag für die Westberliner Zeitschrift „Europäische Ideen“ warnt er die Kommunisten davor, auf die Revolution als Folge der Krise des Kapitalismus zu hoffen:

Deutschland, Vietnam und Korea sind ‚Ost-West-geteilte‘ Staaten, gegen ihren Willen in zwei Teile zerrissen. Die Völker, die in ihnen leben, haben noch das Bewußtsein ihrer nationalen Einheit, die staatliche ging verloren. Für immer? Nichts geschieht für immer. Nicht nur in Vietnam und Korea.

Auch in Deutschland werden die Grenzbefestigungen fallen. Die Frage ist nur: Welche Seite wird sie einreißen? Von allen Möglichkeiten, die in Betracht zu ziehen sind, wäre die günstigste, wenn es die Erbauer selbst wären, die die Mauer wieder abbauen. Das wäre möglich, wenn die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse sich in Deutschland derart zugunsten der DDR verändert hätten, daß es keinen einseitigen Menschenstrom aus der DDR in die BRD mehr gäbe. Schon jetzt übt die DDR auf viele in der BRD eine wachsende Attraktion aus, während als Folge der sich verschärfenden kapitalistischen Krise die Anziehungskraft der BRD auf die Bürger der DDR nachläßt.

Nehmen wir einmal an, in der DDR, aber auch in anderen sozialistischen Staaten und auch in der Sowjetunion hätte sich ein großer politischer Wandel vollzogen. An die Stelle des bürokratischen Zentralismus wäre wirkliche sozialistische Demokratie getreten. Was heute in den Verfassungen dieser Staaten zwar schon dekretiert ist, die Freiheit der Meinungsäußerung, der Information und der Organisation, wäre auch praktisch verwirklicht. Alle Reisebeschränkungen wären aufgehoben. Eine wunderbare Blüte von Kunst und Wissenschaft hätte begonnen, frei sich entfaltend ohne die engstirnige Bevormundung durch halbgebildete Amtsbanausen. Mit einem Wort: Nehmen wir an, in den sozialistischen Staaten wäre der Sozialismus ausgebrochen! Ja, dann hätten wir Mauerbauer die Mauer nicht mehr nötig und der Weg zur friedlichen Wiedervereinigung wäre nicht mehr weit.

1968, in der ČSSR, waren wir schon einmal diesem Ziel sehr nahe. Damals vollzog sich zugleich in Frankreich, was zuvor nur eine kühne Hoffnung gewesen war: die Vereinigung der revolutionären studentischen Jugend mit der Arbeiterklasse. Der brutale Einbruch der sozialistischen Brüder in den Prager Frühling hat mehr zerstört als eine Hoffnung, er vernichtete eine reale Chance für den weltweiten Sieg des Sozialismus.

Das Patt zwischen Ost und West garantiert vorläufig die Fortdauer der Spaltung. Aber nicht einmal das Patt garantiert sie für immer. Es kommt darauf an, was für beide Seiten teurer ist, Spaltung oder Wiedervereinigung zugunsten der anderen Seite. In Vietnam wurde den Amerikanern die Verteidigung der Spaltung zu teuer. Das Thieu-Regime ist dem Untergang geweiht. Auch in Korea wird sich das korrupte Park-Regime auf die Dauer nicht halten können und die USA werden es auf die Dauer nicht halten wollen. Aber in Europa, in Deutschland? Vorläufig ist es schwer vorstellbar, daß eine Seite ihre Position freiwillig räumt. Aber die Lage in der Welt ist kompliziert und viele Möglichkeiten eines Arrangements sind denkbar.

Die Regierung der DDR tritt für die klare völkerrechtliche Abgrenzung der beiden deutschen Staaten ein und wehrt sich gegen jeden Versuch Bonns, die DDR anders zu behandeln, als andere Staaten (abgesehen von den wirtschaftlichen Abmachungen über den gegenseitigen Handel, den Swing und einiges andere). Sie beweist damit nur, daß sie die Lage realistisch einschätzt. Der Sozialismus muß auch in Deutschland erst einmal viel Zeit wiedergewinnen, die er dank Stalin und seinen Nachfolgern verloren hat. Das Schlimme ist nur, daß man in den sozialistischen Ländern die Frist, die wir noch haben, ganz ungenügend nutzt. Es wäre auch sehr unklug, dabei allzusehr auf die internationale Krise des Kapitalismus zu bauen. Von dieser Krise können auch große Gefahren für den Frieden und die Existenz der Menschheit ausgehen. Solange der Sozialismus seine gegenwärtige bürokratische Sklerose nicht überwunden hat, kann er auch auf die sozialistische Revolution als eine Folge dieser Krise in den kapitalistischen Ländern nicht hoffen.