Die Franzosen sind streikmüde: Bei Renault scheiterte die Frühjahrsoffensive der Gewerkschaften.

Gut zwei Monate dauern jetzt schon die Auseinandersetzungen bei Renault, und das Ende ist immer noch nicht abzusehen. Doch eines ist jetzt schon klar: Die Gewerkschaften haben den sozialen Test in Frankreichs größtem Unternehmen verloren und führen nur noch Rückzugsgefechte. Bevor die Direktion der staatlichen Regie Renault die Gewerkschaftsvertreter überhaupt zu Verhandlungen empfing, mußten alle Streikaktionen eingestellt werden. Die Mehrheit der Renault-Arbeiter votierte dafür, sich diesem Ultimatum zu unterwerfen und ihre Vertreter zum großen Lohnpalaver zu schicken.

Bei Renault ist klargeworden, daß die Streiklust im Lande denkbar gering ist. Die Krisenangst hat offensichtlich auch die Arbeiter nachdenklich gemacht, die sonst den Kampf gegen den Kapitalismus über alles stellen. Jetzt bangen die Franzosen um ihre Arbeitsplätze; angesichts von 800 000 Arbeitslosen (4,6 Prozent) ist das nicht verwunderlich.

Die Renault-Direktion nutzte diese Unsicherheit und verordnete die Schließung mehrerer Werke. Damit fanden die Parolen der Gewerkschaften nur noch wenig Gehör an der Basis. Da auch die Regierung erkennen ließ, daß sie Renault-Boß Pierre Dreyfus auf eine harte Position verpflichtet hatte, mußten die Gewerkschaften die Segel streichen.

Sowohl die kommunistische CGT als auch die seit kurzem mit der sozialistischen Partei sympathisierende CFD1 können damit eine großangelegte Frühjahrsoffensive abschreiben. Sie müssen sich eine neue Strategie einfallen lassen, wenn sie in den nächsten Monaten ihre Anhänger mobilisieren wollen. Dabei hatten sie seit dem vergangenen Herbst ohnehin nur im öffentlichen Sektor agitiert.

Doch auch diese Selbstbeschränkung brachte nur Mißerfolge. So wurde vor ein paar Monaten die große Streikaktion bei der Post erfolglos abgebrochen. Diese Schlappe schmerzte um so mehr, als die Beamten und Angestellten anderer öffentlicher Bereiche keine Lust zur Solidarisierung mit ihren Kameraden von der Post zeigten.

Da die Streikbereitschaft im privater Sektor weitaus am geringsten ist, werden die Gewerkschaften einige Mühe haben in diesem Frühjahr mehr als nur Demonstrationen auf die Beine zu bringen. Dei Mißerfolg hat jetzt Zwietracht in der Reihen der Arbeiterführer gesät. CGT CFDT und die gemäßigtere FO schieben sich gegenseitig die Schild am Scheitern der Renault-Kampagne in die Schuhe Und das ist das deutlichste Indiz dafür daß auch das soziale Thermometer. in Frühling überwiegend kühle Temperaturen anzeigen wird. smi