Von Heinz Michaels

Im „Haus der Arbeitgeber“ in Köln saß am Montag vor Ostern eine Diskussionsrunde zusammen bei dem Versuch, die Möglichkeiten der wirtschaftlichen Entwicklung auszuloten. „Sorgen machen mir nur noch“, so meinte ein Teilnehmer, „die Lohnverhandlungen in der chemischen Industrie.“ Denn der IG Chemie-Papier-Keramik hängt das Attribut „links“ an, und die Chemie-Arbeiter hatten neuneinhalb Prozent mehr Lohn gefordert. Wieviel würden sie sich abhandeln lassen?

Vier Tage später, am Donnerstag vor Ostern, war alles vorbei; doch die Öffentlichkeit erfuhr erst nach den Feiertagen von dem gewerkschaftlichen Husarenritt: In „Geheimverhandlungen“ hatten sich Gewerkschaft und Arbeitgeber auf 6,8 Prozent mehr Lohn und eine Zusatzkasse für die Arbeitslosenunterstützung geeinigt.

Derartige Überraschungscoups war man bislang eigentlich nur von der Gewerkschaft Bau-Steine-Erden gewohnt. Der frühere Gewerk-Steine-Erden und derzeitige Bundesverteidigungsminister Georg Leber hatte gelegentlich sogar im trauten Zwiegespräch mit dem Arbeitgeberboß der Bauindustrie die neuen Lohntarife ausgehandelt.

„Von Geheimverhandlungen kann natürlich keine Rede sein“, erklärt lachend ein Sprecher der Chemie-Gewerkschaft. „Die zuständigen Kommissionen waren mit zentralen zuständigen gen einverstanden. Wir haben nur die Öffentlichkeit erst nachträglich informiert.“ Doch der Stil ist neu und auch der Inhalt der Tarifverträge.

Beides trägt die Handschrift eines modernen Gewerkschaftsmanagers, der auf politisch-gesellschaftlichem Parkett genauso sicher agiert wie auf der Rednertribüne eines Gewerkschaftskongresses: Karl Hauenschild.

Der nüchterne Hannoveraner, Sohn eines Schneiders, gehört zu dem im Kriege ausgebluteten Jahrgang 1920. Aus wirtschaftlichen Gründen mußte er 1938 den Besuch der Oberrealschule abbrechen; weil er die Hitlerjugend nicht mochte, zerschlug sich eine Laufbahn bei der Finanzverwaltung. So wurde er Industriekaufmann, kam zur Wehrmacht, wurde in Rußland verwundet, landete schließlich in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Seit 1947 ist er bei der Gewerkschaft, anfangs in der Bildungsarbeit, später im Vorstand der IG Chemie für Organisation und Verwaltung zuständig.