Von Lothar Ruehl

Jeder Krieg hat seine Logik, in der sich die bessere Strategie verwirklicht, sobald sie über die Mittel gebietet, um ihre Ziele zu erreichen. In Indochina hat seit dem ersten Kriegsakt noch gegen Frankreich im Jahre 1946 Vo Nguyen Giap eine bessere Strategie als alle seine Gegner in den folgenden drei Jahrzehnten. Trotz vieler taktischer Fehler und Schwächen, trotz schwerer Rückschläge und Verluste setzte diese Strategie des revolutionären Krieges mit Terror, Guerilla und zuletzt auch konventioneller Kampfführung einer regulären Armee sich schließlich durch.

Der Zusammenbruch der südvietnamesischen Armee in den Nordprovinzen und im Zentrum des Landes bezeichnet den Übergang dieses Kriedes in seine lange verzögerte militärische Entscheidungsphase. Hätten nicht die Vereinigten Staaten von Amerika im Frühjahr 1965 als der Verlust der Schlüsselprovinzen Pleiku und Kontum im zentralen Hochland drohte, mit eigenen Truppen und ihrer Luftstreitmacht auf dem Kriegsschauplatz eingegriffen, dann wäre diese Wende des Krieges zur Clausewitzschen Krisis der Entscheidung zehn Jahre früher eingetreten. Der Abzug des amerikanischen Expeditionskorps von einer halben Million Mann in den Jahren von 1969 bis 1972 ließ den Krieg dann wieder in sein urprüngliches Kräfte- und Kampfniveau zurückfallen.

Die amerikanische Kriegsmaschine mit ihrer unbesiegbaren Übermacht vor der Küste und in den großen Militärlagern im Lande, mit ihren Stützpunkt-Ketten in den Bergen und ihrem gepanzerten, aus der Luft abgeschirmten Kolonnen auf den vielfach gesicherten Straßen, mit einer Hubschrauberflotte, wie sie vorher nirgendwo im Felde verwendet worden war, und einer allgegenwärtigen Luftwaffe von 500 verfügbaren Einsatzflugzeugen, hatte den Krieg sein natürliches Feld hinaus auf einen nur von den amerikanischen Kriegsmitteln geschaffenen künstlichen Ebene gehoben. Diese Ebene aber schwebte über dem Lande frei wie die Flugzeuge der Amerikaner.

Nach fünf Jahren Krieg gegen die amerikanische Armee, im Jahre 1970, rüstete sich General Giap auf die zweite große Kampagne – Operationsziel Saigon. Noch 1968 war die Neujahrsoffensive des Vietcong und der nordvietnamesischen Truppen unter den Schlägen der US-Luftstreitkräfte und im Sperrfeuer der US-Bodentruppen allmählich zum Stillstand gekommen. Aber sie wäre nach dem Urteil des damaligen US-Generalstabschefs Taylor um ein Haar gelungen. Jetzt waren die Amerikaner am Abziehen. Trotz der kontinuierlichen – allerdings auch begrenzten und punktuellen – Luftangriffe gegen Nordvietnam, bereitet Gipa einen Großaufmarsch gegen den Süden vor. Er ließ ein regelrechtes Straßennetz entlang der Nord-Süd-Achse durch Laos nach Kambodscha bauen und immer mehr kleine Nachschubwege nach Osten in das annamitische Hochland Zentralvietnams vortreiben. Dabei setzten seine Truppen und die Vietcong-Partisanen die nach Westen vorgeschobenen Stützpunkte der Verteidiger unter Druck. Mehrere von ihnen blieben zwei Jahre lang umkämpft. Eine Kette von zehn Außenposten im Nordteil Südvietnams hielten die Amerikaner mit großem Aufwand gegen beharrliche Angriffe.

Ende 1971 wurde der Rückzug der US-Truppen aus der nördlichen Region mit den Städten Quang Tri, Hué, Da Nang und Chu Lai abgeschlossen. Allen amerikanischen Militärs war es klar, daß das südvietnamesische 1. Armeekorps allein nicht die Kraft haben würde, die Positionen zu halten, geschweige denn, die großen Stützpunkte für Angriffe zu nutzen. Dem US-Oberkommando in Saigon war auch klar, daß die gesamte Armee Südvietnams mit ihren 550 000 Mann regulärer Truppen zu schwach sein würde, um das Land an seinen Grenzen gegen eine fortgesetzte Kriegsanstrengung Nordvietnams mit sowjetischer und chinesischer Waffenzufuhr zu verteidigen; dazu war weiter der Einsatz amerikanischer Luft- und Seestreitkräfte vonnöten.

Ein haltbarer Waffenstillstand auf der Grundlage des militärischen Status quo von 1972 hätte Südvietnam eine Überlebenschance gegeben. Dies versuchte Henry Kissinger in seiner Pariser Verhandlung, in deren kritischer Phase Präsident Nixon noch einmal die amerikanische Luftmacht gegen Nordvietnam einsetzte.