Von Eduard Neumaier

Bonn, im April

Wer immer in Chile regierte – die Beziehungen zwischen Santiago und Bonn waren selten normal. Sie waren entweder, wie zu Zeiten. Eduardo Freis, besonders eng, oder, zu Zeiten Allendes, besonders unentschlossen. Zum Regime des Diktators Pinochet sind sie entschieden frostig.

Spätestens mit Allendes Amtsantritt sind die Beziehungen der Regierungen in die parteipolitische Auseinandersetzung geraten; die Ermordung Allendes durch die putschenden Militärs hat den zwischen den Bonner Parteien schwebenden Streit, wie Chile zu behandeln sei, noch verschärft. Der mit diplomatischem Takt nicht gesegnete Bundesminister Hans Matthöfer hat mit seinem zornigen Wort von der „Mörderbande“ in Santiago auch solchen Parteifreunden aus dem Herzen gesprochen, die das Wort selber nicht in den Mund nahmen und jungsozialistischen Eiferertums nicht verdächtig sind. Es ist ein Wort, das verständlich macht, wenn auch nicht entschuldigt, daß die chilenische Botschaft in Bonn die Fassung verlor und die Ungewöhnlichkeiten im deutsch-chilenischen Verhältnis fortsetzte, indem sie entgegen diplomatischen Usancen Matthöfer der Lüge zieh.

Matthöfer hatte bestritten, daß die Bundesregierung Chile einen Kapitalkredit in Höhe von 45 Millionen Mark zugesagt habe – eine Aussage, die formal richtig ist, aber doch einer arglistigen Täuschung nahekommt; denn natürlich hatte die Bundesregierung durch den damaligen parlamentarischen Staatssekretär Matthöfer einen solchen Kredit in Aussicht gestellt. Matthöfer freilich bediente sich der gleichen Technik wie der seit einem Jahr unablässig bohrende CDU-Abgeordnete Jürgen G. Todenhöfer, der, vor ein paar Tagen aus Chile zurückgekehrt, den der Regierung Allende in Aussicht gestellten 45-Millionen-Kredit endlich herauszugeben verlangte – wohl wissend, daß es eine verbindliche und völkerrechtlich bindende Zusage nicht gegeben hatte.

Im Falle Chiles zeigt sich die doppelbödige Moral beider parteipolitischer Lager: dieselbe CDU, die die Entwicklungshilfezusagen an Allende (1970 bis 1973 insgesamt 74 Millionen Mark) als Subventionierung sozialistischer Experimente in Lateinamerika beargwöhnte und durch fatale Äußerungen Matthöfers zu Allendes Versuch in ihrer Meinung bestärkt wurde, findet jetzt nichts dabei, einem Regime Gelder zuzuschustern, das auch nach den Bekundungen von CDU-Abgeordneten einige tausend Menschen auf dem Gewissen hat.

Die Moral der Matthöfer-Anhänger ist nicht minder doppelbödig. Mit sozialistischen Staaten, die zur Begründung und Festigung ihres Regimes nicht minder skrupellos waren, pflegt man ohne Schamröte Umgang, reaktionäre Regimes aber werden mit moralischer Verachtung gestraft. Manchmal kann man sich des Eindrucks schwer erwehren, Bonner Politiker zeigten kleinen Staaten ihre moralische Größe, während sie gegen größere Staaten die Moral gern Realitäten und Interessen unterordnen. Von der gemeinsamen Einsicht, daß das politische Verhalten gegenüber anderen Staaten nicht von deren innerer Ordnung abhängig gemacht werden sollte, sondern davon, ob sie den Menschen nutzen, sind die beiden großen Bonner Parteien weit entfernt.