Von Horst Bieber

Vor zwei Monaten veröffentlichte ein portugiesischer Verlag das Programm der "Bewegung der Streitkräfte" (MFA) und der größeren Parteien samt Bild und ausführlichem Lebenslauf der Parteivorsitzenden. Nur der Kommunisten-Chef zeichnete sich durch lakonische Knappheit aus. Da lautet der vollständige Text: "Biographie von Alvaro Cunhal. Minister ohne Geschäftsbereich der provisorischen Regierung. Parteimitglied seit 43, Funktionär seit 39, im Zentralkomitee seit 38 Jahren. Dreizehn Jahre Gefängnis. Mitglied der Politischen Kommission und des Sekretariats des Zentralkomitees." Mehr Angaben zur Person hielt der heute einflußreichste Politiker Portugals, der 61jährige KP-Chef Dr. jur. Alvaro Barreirinhas Cunhal, für unnötig.

Wahrscheinlich hat er sogar recht. Denn dieser hagere Asket mit seinen weißen Haaren und den buschigen schwarzen Augenbrauen ist der bekannteste, wenn auch nicht beliebteste Parteiführer. Ihm wird Schroffheit als Entschlußkraft, Schweigsamkeit als Weisheit abgenommen. Er kann es sich leisten, in Wahlversammlungen erst unmittelbar vor seiner Rede zu erscheinen und schon wieder im Dunkeln zu verschwinden, noch ehe der Schlußbeifall richtig eingesetzt hat – so, als verachte er im Grunde die Menge.

Was anderen nicht verziehen würde, macht diesen düsteren, verschlossenen Intellektuellen "interessant". Selbst seine ärgsten Feinde geben neidisch zu, daß er auf Frauen wirkt, daß er die Arbeiter begeistern kann und mehr für seine Partei wirbt als jeder andere Politiker. Er hat vierzehn Monate "Untersuchungshaft", acht Jahre Einzelhaft und 72 Stunden Folter überlebt; nach der Tortur erklärte er seinen Peinigern: "Der Schlüssel, nach dem ihr die ganze Zeit gefragt habt, gehört zu meinem Schreibtisch, den ihr aufgebrochen habt!" Dabei hat er nie die Partei verraten. Noch im Gefängnis warb er neue Mitglieder. Im heutigen Portugal bringt ihm dies mehr als einen Vertrauensvorschuß ein – fast schon einen Heiligenschein.

Cunhal und die kommunistische Partei wissen ihn zu nutzen. Die 247 Wahlkreis-Kandidaten der KP haben zusammen 440 Jahre, die 24 Mitglieder des Zentralkomitees insgesamt 308 Jahre unter Salazar und Caetano im Gefängnis gesessen. Nur dank dieser Leidenszeit können sie es wagen, schon wieder offen die Demontage demokratischer Rechte zu verlangen, ohne ausgepfiffen zu werden.

Freilich, seine wirkliche Macht verdankt Cunhal ausschließlich seiner unbeirrten Bereitschaft, den Kurs der Offiziere zu unterstützen. Früher als andere Politiker ordnete er sich, Moskaus Weisungen folgend, dem MFA unter. Gelegentlich treibt er es bis zur Selbstverleugnung. Mitte voriger Woche präsentierten die Offiziere den Parteien eine Verfassungsplattform, die schon vor der Wahl einer verfassunggebenden Versammlung eine fünfstufige Machtpyramide und die absolute Vorherrschaft der MFA festschreibt: Staatspräsident (Offizier), Revolutionsrat (28 Offiziere), Kabinett (mit Offiziers-Ministern in den wichtigsten Ressorts), Versammlung der Streitkräfte (120 Heeres-, 60 Marine- und 60 Luftwaffendelegierte), Parlament (247 Sitze). Von den großen Parteien stimmte nur die KP bedingungslos zu.

Doch die vermeintliche Selbstentmachtung hat Methode. In Wirklichkeit festigt Cunhals Taktik die Stellung der Kommunisten. Mehr als alle anderen Parteien üben sie persönlichen Einfluß auf die tonangebenden Offiziere aus. Der ewig nervöse, fahrige Ministerpräsident Vasco Gonçalves, dem nahe Bekannte ohnehin ein Ende in einer Nervenheilanstalt prophezeien, gilt als Marionette Cunhals – nach außen selbständig, hinter den Kulissen aber völlig von den Ratschlägen des kühlen KP-Chefs abhängig.