Daß der Bau eines Staudammes X-Beine verursachen könnte, klingt nach Aberglauben – doch es ist die reine Wahrheit, jedenfalls in dem südindischen Staat Andhra Pradesh. Dort baute man vor Jahren in einem unfruchtbaren, oft von Dürre heimgesuchten Distrikt den Nagarjunasagar-Staudamm, um das Gebiet bewässern zu können. Und heute gibt es rundherum Hunderte von Menschen mit X-Beinen, und zwar mit einer besonders quälenden Form dieser Anomalie des Knochenbaues. Bei manchen Opfern stehen die Füße fast einen Meter weit auseinander, während die Knie einander berühren oder gar überkreuzen; in anderen Fällen kommt es zu S-förmigen Mißbildungen der Beine und völliger Bewegungsunfähigkeit.

Am stärksten betroffen sind junge Männer; ihre Mißgestalt und ihre unbeholfenen Bewegungen reizen die anderen zum Spott, und so bildet sich im Bereich des Nagarjunasagar-Dammes eine wachsende Gruppe sozial benachteiligter und nur zu untergeordneten Hilfsarbeiten fähiger Menschen. An den X-Beinen hingegen ist Osteoporose schuld, eine Auflockerung des Knochengewebes und ein Schwund der Knochensubstanz, und das kann schon im siebten Lebensjahr beginnen und bald rapide zunehmen. Die eigentlichen Ursachen aber haben die indischen Epidemologen Krishnamachari und Krishnaswamy jetzt herausgefunden. Sie hängt mit dem Staudamm zusammen.

Die Sickerwässer dieses Reservoirs und der von ihm ausgehenden Bewässerungskanäle erzeugen die Osteoporose, und zwar auf folgendem Umweg: Die Bewohner des Distrikts leben im wesentlichen von einer bestimmten Art der Hirse (Sorghum), die in den schwarzen und roten Böden dieser Gegend gut gedeiht und auch längere Trockenperioden überstehen kann; sie hat aber auch einen Nachteil, nämlich einen außergewöhnlichen Appetit auf das Spurenelement Molybdän; je basischer der Boden ist, um so mehr nimmt sie davon auf. Nun waren offenbar die Böden so beschaffen, daß die Hirse nur gerade so viel Molybdän aufnehmen konnte, wie die Hirse-Esser vertrugen. Das änderte sich mit dem Bau des Staudammes und der damit verbundenen Hebung des Grundwasserspiegels von vorher 9 Meter auf 3 Meter; der Böden zeigte jetzt eine stärkere basische Reaktion, die Hirse konnte mehr Molybdän als vorher aus dem Boden aufnehmen – und nun wirkte sich eine Eigenschaft des Molybdäns aus, die man aus Experimenten kennt: Zu viel Molybdän in der Nahrung führt dazu, daß der Körper die Depots eines anderen wichtigen Spurenelements, des Kupfers nämlich, auflöst und ausscheidet: es entsteht ein Kupfer-Defizit. Dieses wiederum (das weiß man aus Tierversuchen) hat die Osteoporose, Lockerung und Schwund des Knochengewebes, zur Folge. Durch die für den Knochenbau ohnehin ungünstige Voraussetzung des hohen Fluorgehaltes im Trinkwasser wird dieser Effekt möglicherweise noch verstärkt. Daher also die X-Beine der Männer vom Nagarjunasagar-Staudamm.

Der Fall ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie der Eingriff in ein ausgewogenes Zusammenspiel von Boden, Klima, Nahrungspflanze und Mensch zugleich mit der beabsichtigten Verbesserung an irgendeiner Stelle einen unbeabsichtigten (und nicht vorausberechenbaren) Schaden hervorbringt, dessen Behebung, wenn überhaupt, nur mit außergewöhnlichem Aufwand möglich ist: Eine Entfluorisierung des Wassers, die wenigstens einen der auslösenden Faktoren beseitigen würde, ist in Ermangelung von Elektrizität hier noch gar nicht durchführbar; die Bewohner mit Getreide aus anderen Gebieten zu versorgen, bliebe eine karitative Hilfsaktion, die das ökologische System nicht wiederherstellt und zudem irgendwann im Sande verlaufen würde; und für den naheliegend erscheinenden Ausweg, ein anderes Getreide anzupflanzen, ist weit und breit keine Sorte zu sehen, die es in diesem Klima und auf diesem Boden mit der unversehens „giftig“ gewordenen Hirse aufnehmen könnte. Gerade in den geologisch-klimatischen Grenzbereichen menschlicher Existenzmöglichkeit sind die ökologischen Grundstrukturen so feingesponnen, alle Details so eng aufeinander bezogen, daß schon die geringste Änderung alles durcheinanderbringen kann und jeder Reparaturversuch dazu verdammt ist, grobes Flickwerk zu bleiben.

Jan Hatje