Von Felix Spies

Die Adressen sind gut, die Vorbewohner haben einen erstklassigen Namen, die Nachbarn gehören zum Feinsten vom Feinen – neu eingezogen ist in die beiden leerstehenden Pavillons an der Stahlstraße trotzdem niemand.

Zum erstenmal während einer Hannover-Messe bleibt das 600 Quadratmeter große Ausstellungshaus der Otto Wolff AG auf dem Freigelände zwischen Krupp- und Mannesmann-Pavillon geschlossen. Wolff war zwar jüngst in Moskau, Wolff wird auch zu einer Ausstellung nach Peking gehen, aber in Hannover ist das renommierte Stahlhandelshaus in diesem Jahr nicht mehr dabei. Der Pavillon, den sich das Kölner Familienunternehmen 1966 gebaut hat, steht zum Verkauf.

Ein zweites feines Ausstellungsquartier an der Stahlstraße bleibt gleichfalls erstmals leer: Wie die Wolff-Gruppe, die bisher jährlich „etliche hunderttausend Mark“ für Hannover ausgab, so kamen auch die Buderus’schen Eisenwerke aus dem Flick-Konzern zu der Einsicht, daß ein Aufwand von jährlich „rund einer halben Million Mark“ den Nutzen der Hannover-Messe bei weitem übersteigt. Das Wetzlarer Gießereiunternehmen geht deshalb von diesem Jahr an nicht mehr an die Leine. Seinen Pavillon, den bisher niemand mieten wollte, will es verkaufen.

Die Buderus’schen Eisenwerke und Wolff sind zwei von vielen Abtrünnigen. Wenn am kommenden Mittwoch die Hannover-Messe 1975 für neun Tage ihre Tore öffnet, sind mehr als 700 Aussteller weniger dabei als im vergangenen Jahr. Zwar schwankte die Zahl der ausstellenden Unternehmen schon bisher von Jahr zu Jahr, da einige Industriegruppen nicht jedesmal dabei sind. Aber auch der „echte Schwund“, den deshalb die veranstaltende Deutsche Messe- und Ausstellungs-AG an der Hannover-Messe 1973 mißt, ist herb genug: gegenüber 1973 fehlen ihr noch immer 324 zahlende Kunden.

Der Messe AG gelingt es denn auch nur unvollkommen, die Auszehrungsflecken zu eskamotieren, an der die Messe inzwischen leidet. Von den 450 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche konnte die Veranstalterin in diesem Jahr rund hunderttausend nicht vermieten: so bleiben die Hallen 6 und 19 mangels Bedarf geschlossen. Nur etwa 4000 Unternehmen kommen nächste Woche in der niedersächsischen Landeshauptstadt zusammen, um in den Messehäusern und -hallen, auf dem Freigelände und in eigenen Pavillons ihre Produkte zu präsentieren: vor vier Jahren waren es noch 5800.

Der größten Industriemesse der Welt, daran ist kein Zweifel, droht Siechtum. Denn die Hannover-Expo, die 1947 auf Befehl der Besatzer als Exportschau und „Fischbrötchenmesse“ begann, mit dem Wirtschaftswunder schnell zur „Hähnchenmesse“ wuchs und schließlich über die „Kalbshaxenmesse“ zur pompösen Paradeschau neuer Weltgeltung der deutschen Industrie wurde, geriet seit Anfang der siebziger Jahre in die Krise: Verdrossen über kostspielige Repräsentation bei mageren Geschäftsabschlüssen, verärgert über eine selbstherrliche Deutsche Messe- und Ausstellungs-AG wandten sich mehr und mehr Aussteller von der Hannover-Messe ab und konzentrierten sich dafür auf Fachmessen.