Von Colin Smith

Saigon, im April

Das Leben in Saigon spielt sich unter einer zerbrechlichen Glocke der Normalität ab; fast könnte sie die surrealistische Existenz der Stadt vergessen machen. Es ist, als wären die auseinanderlaufenden Armeen weiter oben im Norden gar nicht Wirklichkeit – oder als wäre die Stadt selber nur ein Phantasieprodukt, zusammengeträumt als Trostpflaster gegen das Chaos und Leiden rings umher.

Noch immer sind die Straßen von Saigon sicherer als die von Belfast. Einen kommunistischen Terrorfeldzug hat es in der Stadt seit vier Jahren nicht mehr gegeben. Was an Bomben explodiert ist, war meistens das Werk von Unterwelt-Gangs, jedenfalls Teil der nicht-kommunistischen Szene. Nur wenn man genauer hinsieht, fällt einem auf, daß die behelmten MP-Patrouillen dichter gesät sind als sonst und daß sie die Papiere einzelner Soldaten mit besonderer Sorgfalt prüfen.

Im Zoo schwanken die Elefanten, wütend vor Langeweile, traurig auf dem Beton. Unter einem Baum schlürfen wohlhabende junge Männer, die sich dem Wehrdienst entzogen haben, Orangensaft und singen französische Lieder zur Begleitung einer spanischen Gitarre. Ein Unteroffizier und seine Freunde umarmen einander auf dem Rasen. Junge Homosexuelle, die sich mit Polaroid-Kameras als Schnappschuß-Photographen durchschlagen, schlendern Hand in Hand dahin. Für ein Viertel des Preises, den sie verlangen, schnippelt ein Mann mit einer Schneiderschere aus steifem weißen Papier verblüffend ähnliche Porträt-Silhouetten. Drei zerlumpte Soldaten ohne Ausrüstung dösen in einer Sommerlaube. Sie wirken fix und fertig, abgekämpft und erledigt wie alle, die aus dem Norden oder dem zentralen Hochland kommen.

All die guten französischen Restaurants, sind geöffnet, obwohl es in einigen keinen Wein mehr gibt, nur Bier, und abends besondere Sperrstunden-Menüs. Nach halb zehn Uhr werden keine Bestellungen mehr angenommen; aber das konzentriert bloß das Geschäft, schadet ihm jedenfalls nicht. An den Tischen die alten Gesichter: die Diplomaten, die weitläufigeren unter den amerikanischen Spezialisten, lärmende Fernseh-Journalisten, francophile vietnamesische Bürger und die seßhaftesten der alten französischen Siedler, von denen einer meistens der Patron ist.

Der Krieg beherrscht die Gespräche wie schon seit dreißig Jahren. Vielleicht, daß die Stimmen der Vietnamesen ein wenig schriller geworden sind. An einem Nebentisch bricht die wunderschöne eurasische Geliebte eines Ausländers in Tränen aus. Sie schilt ihn, weil er sie und ihre Mutter nicht endlich aus der Stadt schafft, ehe der Vietcong kommt und alle umbringt. Der Ausländer, dessen Posten es ihm nicht ermöglicht, Vietnamesen außer Landes zu bringen, selbst, wenn er das Mädchen heiraten wollte, woran ihm gar nichts liegt, ist verlegen. Er bestellt mehr Wein und versucht, das Thema zu wechseln. Aber der Kellner bringt das Gespräch gleich wieder darauf zurück. „Hue fini, Da Nang fini, Pleiku fini, Kontum fini, Nha Trang fini“, leiert er die ganze Liturgie des Desasters herunter.