ARD, Sonntag, 6. März: „Glashaus – tv intern“

Das Magazin „Glashaus“, das, gegen wachsende Schwierigkeiten, im Fernsehen Fernsehkritik zu betreiben versucht, wollte einen Report über die Lage der freien Mitarbeiter machen. Aber der Intendant des Westdeutschen Rundfunks sagte nein. (Eine Tatsache, die das ohnehin vorhandene Bedürfnis der unfreien Freien, Selbstzensur zu üben, noch verstärken wird.) Nach diesem Veto, so wird berichtet, entschloß sich die Redaktion, einen Beitrag über die Identifikation der Begriffe „WDR“ und „Rotfunk“ zu senden. Aber auch dagegen, so wird weiter berichtet, habe der Intendant mit Erfolg protestiert. (Ein Faktum, das nun freilich dem Wahlgerede vom Rotfunk den Charakter einer karnevalistischen Absurdität gibt.)

Daraufhin brachte die Redaktion – aller guten Dinge sind drei – eine Diskussion über die vielfach attackierte „Vor Ort“-Sendung vom 27. Februar, die Bürgerinitiative gegen den Bau eines Kaiserstühler Atomkraftwerks betreffend, und diese Sendung wurde zur luzidesten, aufschlußreichsten und erregendsten Dokumentation, die das „Glashaus“ jemals produziert hat. Wieder einmal erzwang die Zensur ein Meisterwerk. (Was nicht für die Zensur spricht, wohl aber für diejenigen, die sie mit Heinescher List ad absurdum führten.)

Sachlich und präzise wurde der Tatbestand analysiert, die Konzeption von „Vor Ort“ im allgemeinen und im speziellen dargelegt und die Tendenz des Films beispielhaft, mit Hilfe von bewegenden Ausschnitten, illustriert. („Wenn Ihr ein Herz im Leib hättet, würdet ihr so etwas nicht tun“, rief eine Frau den knüppelwütigen Polizisten zu.) So oft „Glashaus“ schon ins Assoziieren geraten ist und Sendungen vorgeführt hat, die der Disposition und des Kalküls entbehrten – diesmal wurde exakt strukturiert und rational Argument an Argument gereiht. Die Logik trat in ihr Recht. Man verzichtete auf Polemik und satirische Aperçus – so sehr sie sich anboten und so verführerisch es zum Beispiel gewesen wäre, die obrigkeitsstaatlichen Bannsprüche des Marinerichters von gestern und Ministerpräsidenten von heute, Filbinger, mit der demokratischen Gesinnung seiner Opfer zu vergleichen: des Soldaten, den der Marinerichter nach der Kapitulation wegen Untergrabung der Manneszucht bestrafen ließ, und der mündigen Bürger vom Rhein, die der Ministerpräsident mit Extremisten und jenen Kommunisten in einen Topf warf, die (so Filbinger in der ihm eigenen Diktion) am Kaiserstuhl „ihr politisches Süppchen verfolgten“ (verfolgten! das Süppchen!).

Nein, nichts von Polemik. Keine Attacke auch gegen den Fernsehdirektor, der in der Diskussion erklärte, bei seinem Sender sei die Welt noch in Ordnung, da würden die Weisungen des Intendanten befolgt. (Na bitte!) Statt zu eifern, bediente man sich der inkriminierten Technik der „Vor Ort“-Sendung: Man ließ die Leute reden. Man kommentierte Emotionen nicht. Man ermöglichte es dem Zuschauer, sich selbst ein Bild zu machen und zu entscheiden, wer denn nun eigentlich recht hat, die Obrigkeit und ihre Anwälte, die über mangelnde Ausgewogenheit jammern, wenn nach zehn Pro-Berichten auch einmal ein Kontra-Bericht kommt, oder die Journalisten, die es sich zur Ehre anrechnen, jenen Verzweifelten Mund und Stimme zu geben, die in ohnmächtiger Wut die „Herren da droben und da drüben“ anprangern. („Da drüben“, das heißt, vom Kaiserstuhl aus, so viel wie Stuttgart. Die Begriffe Hof und Hohenasperg sind nicht fern.)

Wer, fragte sich der Betrachter am Bildschirm, hat am Rhein denn eigentlich zuerst Gewalt praktiziert: die Winzer oder die Regierung? Wer hat hier nicht differenziert: die Fernsehreporter oder der Landesfürst? Wer argumentiert obrigkeitsstaatlich: die Herren Bausch und Hammerschmidt oder jener einst als „Scheißliberaler“ beschimpfte Werner Höfer, der sich weigerte, die Position der Aufklärung auch nur um einen Zentimeter zu räumen?

Höchst seltsam. Wenn das Fernsehen arme, um Feld und Reben besorgte Menschen filmt, in ihrer Enttäuschung, ihrem Schmerz und ihrer Wut, dann trägt es angeblich zur Emotionalisierung bei. Wenn es hingegen die aberwitzigsten Verlautbarungen der Feudalherrschaft aufnimmt, die Thesen der Metternichleins, dann erfüllt es offenbar seinen staatsbürgerlichen Auftrag. Anno 1848, so scheint es, war man schon weiter bei uns. Viel weiter sogar. Momos