Postum kam Posidonia gleich zweifach zu Ruhm und Ehren: Geologen kürten die knapp drei Zentimeter kleine Muschel zum Leitfossil, 150 bis 200 Millionen Jahre nach ihrem Erdendasein soll Posidonia zur Verengung der Energielücke beitragen. Im Unteren Jura findet sich die Posidonienschiefer genannte geologische Formation, etwa zwei Milliarden Tonnen davon lagern bei und unter Schandelah, einem Ort zwischen Braunschweig und Wolfsburg. Als „Ölschiefer“ interessiert er zur Zeit Chemiker, Verfahrenstechniker und Bergbauexperten.

„Ölschiefer“, so sieht ihn Professor Kroepelin vom Institut für chemische Technologie der TU Braunschweig, das ebenfalls um Posidonia bemüht ist, „zeichnet sich dadurch aus, daß er weder Öl noch Schiefer enthält.“ Denn das als Schiefer deklarierte Gestein, ist, vereinfacht ausgedrückt, ein Gebilde aus vorwiegend anorganischen und organischen Bestandteilen der Posidonia und Überbleibseln anderer Kleinlebewesen. Es wurde chemisch verkittet und durch über Millionen Jahre wirkenden Druck züsammengebacken. Erst technische und chemische Prozesse können aus dem Kerogen (organische Substanz) 40 bis 50 Prozent Öl herausschwelen. Nach Schätzungen des Niedersächsischen Landesamtes für Bodenforschung könnte das Vorkommen von Schandelah 50 bis 100 Millionen Tonnen Schwelöl liefern.

Die Lagerstätte liegt relativ dicht unter der Oberfläche und ähnelt einer flachen Schüssel, deren Ränder sich bis zum Boden hochwölben. Von der Autobahn Hannover–Berlin etwa halbiert, erstreckt sie sich in Richtung Nordost-Südwest und hat nach den Untersuchungen des Landesamtes eine Mächtigkeit von 30 bis 35 Meter. Mit einem 10- bis 15-Prozent-Anteil organischer Substanzen, dem Kerogen, gilt das Schandelah-Vorkommen als das lukrativste im westlichen Europa; weit übertroffen wird es nur von einer Ölschieferlagerstätte in der Sowjetunion, die 30 Prozent aufweist..

Weniger mächtig, mit geringerem Kerogenanteil und oft ungünstiger gelagert als der Schandelah-Schiefer sind weitere bundesdeutsche Vorkommen in Nord- und Süddeutschland. So wurden bei den Lagerstätten von Göppingen-Eislingen, Holzheim und Balingen-Schönberg-Speichingen durchschnittliche Stärken von acht Metern und wesentlich geringere Anteile von Kerogen (auch Bitumen genannt) festgestellt.

Zum zweiten Male soll in Schandelah Posidonia. einspringen, Energiesorgen zu lindern. Zu ihrem Debüt im Zweiten Weltkrieg wurde sie dort im Schwelöfen strapaziert, seine Trümmer sind noch heute über das Gelände verstreut. Ende der fünfziger Jahre begannen dann die Braunschweigischen Kohlen-Bergwerke (BKB) mit modernen Mitteln die Lagerstätte zu untersuchen und Möglichkeiten rentabler Ausnutzung zu erforschen Mehr als eine Million Mark investierte die BKB bereits, seit April 1974 ist das Unternehmen Inhaber der Bergrechte.

Jenseits des Atlantiks schwört man übrigens auch auf Posidonia. Ölschiefer gilt in den USA als potentielle Energiequelle, die zum preiswerten Fließen zu bringen laut Professor Kroepelin den Amerikanern bis jetzt schon „Hunderte von Millionen Dollar“ wert war. Der Stein der Weisen zur Verwandlung der schmutzig graubraunen Brocken in hochwertiges Öl konnte noch nicht gefunden werden, steigende Ölpreise jedoch könnten dafür sorgen, daß der Posidonienschiefer selbst mit unökonomischen Verfahren angegangen wird.

In einem Zementwerk in Dotterhausen (Württemberg) wird Ölschiefer technisch genutzt. Er liefert bei seiner Verbrennung Wärme und gleichzeitig Rohstoff für die Zementherstellung. Der Heizwert des Schandelaher Materials liegt bei durchschnittlich 1170 Kilokalorien pro Kilogramm, der der deutschen Braunkohle um 2500. Gemahlen könnte Ölschiefer ohne weiteres als Heizmaterial von Kraftwerken dienen, doch gäbe es dabei Probleme mit den Verbrennungsrückständen.