Von Sepp Binder

Kiel, im April

Schleswig-Holstein, das Land der Krabben und Klaren, hat sich verändert. Es ist längst nicht mehr das „Armenhaus des Bundes“, das Schlußlicht am wirtschaftlich kargen Nordzipfel der Bundesrepublik. Zwar liegt die Finanzkraft des Landes noch immer um vier Prozent unter dem Bundesdurchschnitt, vor vier Jahren indes betrug der Abstand noch acht Prozent. Auch das Wirtschaftswachstum läßt sich sehen: das Bruttoinlandsprodukt wuchs zwischen Eider und Schlei um 3,4 Prozent, im Bundesdurchschnitt hingegen nur um 0,6 Prozent; die industrielle Produktion stieg im vorigen Jahr sogar um sechs Prozent, im Bundesgebiet rutschte sie um 1,4 Prozent ins Minus. Freilich war der Nachholbedarf in Schleswig-Holstein auch besonders groß. Der Landtagswahlkampf 1975 stand unter neuem Vorzeichen. Die Probleme haben sich verschoben, die Parteien gewandelt.

Zunächst reduziert sich auch im nördlichsten Bundesland mit seinen 2,6 Millionen Einwohnern die Politik auf Personen vergleiche; das Programmatische gerinnt wie in allen Wahlkämpfen zu Schlagworten. Vor vier Jahren hatte die CDU bei den schleswig-holsteinischen Landtagswahlen mit einem neuen Spitzenmann ihren bis dahin höchsten Erfolg seit der Bildung der sozial-liberalen Koalition in Bonn errungen. Gerhard Stoltenberg unterbrach damals seine Bonner Karriere als Wissenschaftsminister im Kabinett Kiesinger, danach als stellvertretender Oppositionsführer. Er zog ins heimatliche Kiel zurück, brachte dem SPD-Vorsitzenden Jochen Steffen eine deutliche Wahlniederlage bei und verstellte der FDP den Einzug ins Landeshaus an der Kieler Förde.

Dieser Erfolg kam in schroffer Konfrontation zustande. Steffens grobe Ehrlichkeit, seine düsteren Zukunftsvisionen und seine holzschnittartige Weltsicht machten zwar hundertprozentige Stammwähler zu hundertfünfzigprozentigen SPD-Anhängern, vertrieben jedoch die Wähler der Mitte. Die FDP hingegen zerstritt sich nach ihrer Koalitionsentscheidung für die Sozialdemokraten unter Steffen in endlosen Gruppenkämpfen, brach in ihrer Führungsspitze auseinander und verlor ihren rechten Flügel an die CDU. Mit nur 3,8 Prozentpunkten wurden die Liberalen aus dem Parlament katapultiert.

Seither ist Stoltenberg nahezu geräuschlos in die erste Garnitur der politischen Führungsmänner der Bundesrepublik hineingewachsen. Regelmäßig meldete er sich aus Kiel oder von der Bundesratsbank zu Finanzproblemen und Wirtschaftsfragen, und seine Detailkenntnis wie seine analytischen Fähigkeiten haben ihn schnell in die Reihe möglicher Kanzlerkandidaten der Union gebracht. Die 1,8 Millionen Wahlberechtigten, die am Sonntag zwischen Reinbek und Rendsburg über den politischen Kurs in Kiel entscheiden, glauben denn auch zu 78 Prozent, daß Gerhard Stoltenberg am 13. April wieder Wahlsieger sein wird. Die Befragten benoteten ihn zudem zu vierzig Prozent mit „sehr gut“ – günstiger als Bundeskanzler Helmut Schmidt. Gewiß verdanken die schleswig-holsteinischen Christdemokraten ihrem Spitzenmann auch, daß ihre Partei im Lande bessere Zensuren erhält als die Bundes-CDU.

Schwerer hat es da der SPD-Spitzenkandidat. Klaus Matthiesen, gerade 34 Jahre alt, ist erst seit 1971 im Kieler Landtag, nachdem er als einziger Sozialdemokrat der CDU einen Wahlkreis abzunehmen vermochte. Der Sohn eines kinderreichen, armen Landarbeiters aus Gangenschild bei Süderbrarup wäre gern Pfarrer geworden. Aber das Geld reichte nicht fürs Gymnasium. So wurde er zuerst Postbeamter im mittleren Dienst, dann Sozialarbeiter. Die zentrale Lektüre war für ihn die Bibel, sein Antrieb zur Politik die Bergpredikt, über die er im vorigen Jahr in der evangelischen Sankt-Nikolai-Kirche am Alten Markt zu Kiel gepredigt hat: „Politiker kommen und gehen, das Wort Jesu aber bleibt. Diese Welt braucht beides: das Wort Gottes und politische Handlung.“ Nach Jochen Steffen, der seine Partei zwar als erster SPD-Chef Schleswig-Holsteins zweimal über die Vierzig-Prozent-Grenze gebracht hat, Wahlversammlungen jedoch mit Erziehungsanstalten für marxistische Bewußtseinsbildung verwechselte, und nach dem nur für kurze Zeit nominierten, glück- und farblosen Lauritz Lauritzen tritt nun Matthiesen gegen Stoltenberg an.