Neun Monate lang schien in Portugal das Unwahrscheinliche Wirklichkeit zu werden. Das Militär stürzte die älteste Diktatur Europas, gewährte demokratische Freiheiten und versprach, die Macht an ein frei gewähltes Parlament zu übergeben. Seit einem Vierteljahr waren Zweifel an der Erfüllung dieser Zusagen erlaubt; seit dieser Woche steht fest, daß in Lissabon künftig die Offiziere herrschen werden. Den Politikern blieb nichts anderes übrig, als dem aufgezwungenen Verfassungsmodell zuzustimmen – in der Hoffnung, sich mit dieser Unterwerfung ein Minimum an Mitsprache zu sichern. Das letzte Wort behält der Entwurf allerdings den Soldaten vor.

Noch trösten sich Armee und Parteien gegenseitig mit der Versicherung, allein zum Wohle der Demokratie solle für einige Jahre die Demokratie beschnitten werden. Am guten Willen ist vielleicht nicht zu zweifeln, am bösen Ende freilich auch nicht. Wenn den Offizieren schon jetzt der Mut fehlt, das Risiko Freiheit zu wagen – wie sollen sie ihn später aufbringen, wenn sie erst einmal an Herrschaft gewöhnt und durch Macht korrumpiert sind?

Eine kleine Hoffnung bleibt: Daß die Offiziere nicht so rasch vergessen, warum sie gegen das Regime Caetano angetreten sind, daß sie nach fünfzig Jahren Diktatur den Wert individueller Freiheitsrechte eingesehen haben, wo sie schon das Risiko scheuen, die Freiheit, voll und uneingeschränkt, zur Grundlage des neuen Systems zu machen. Selbst wenn die Wahlen jetzt nur noch den Stellenwert einer Meinungsumfrage haben – garantierte Freiheitsrechte für den einzelnen Bürger wären schon ein Fortschritt.