„Das Ende der bürgerlichen Vernunft“, von Jost Herbig. Der kecke Titel verspricht ein linkes Buch und läßt gleichzeitig die Verkündung einer neuen Epoche erwarten: den Anfang der proletarischen Vernunft. Der abwägende Text widerspricht dann allerdings zum Teil diesen Vermutungen, gar zu einfach macht es sich der Autor (Naturwissenschaftler, Jahrgang 1938) nämlich nicht; gleichermaßen verweist er auf Fehlentwicklungen der Industriegesellschaften in Ost und West. Der Staatskapitalismus der kommunistischen Länder überzeugt ihn ebensowenig wie etwa der hierzulande herrschende Privatkapitalismus. Seine Kritik richtet sich gegen staatlichen und privaten Egoismus, gegen den bürgerlichen Freiheitsbegriff, der letztlich nur wirtschaftliche Freiheit meint. Die daraus abgeleiteten Mängel und Krisen beschreibt Herbig nicht nur, sondern versucht sie auch zu erklären. Das geschieht nicht oberflächlich, denn in seinen Betrachtungen werden die jeweils historischen Ursachen genannt; das geschieht nicht vulgärmarxistisch-einseitig, denn stets verknüpft er Erkenntnisse aus verschiedenen Fachbereichen der Sozial- und Naturwissenschaften. So zeigt der Verfasser beispielsweise im Kapitel über psychosomatische Krankheiten konkret Zusammenhänge zwischen Lebensweise und Gesundheitszustand. Dagegen steht Herbigs Alternative zur bürgerlichen Welt, eine schüchterne Utopie, auf einer „hohen Abstraktionsstufe“; fast ein bißchen zu hoch. Damit läßt er aber für den vernünftigen Bürger die Frage unbeantwortet, wie es konkret auf dieser Welt sinnvoll weitergehen kann. (Wirtschaftliche, technische und gesellschaftliche Zukunft; Hanser Verlag, München, 1974; 279 S., 28,– DM.)

Werner Hornung

„Moderne Erzähler der Welt: Island“, herausgegeben und übersetzt von Heinz Barüske. Eine Anthologie moderner isländischer Erzähler weckt Spannung: Kann die kleine Felseninsel im Atlantik vor den Mustern bestehen, die sie mit der Edda, der Skalden- und Sagadichtung der Weltliteratur einmal gesetzt hat? Dieses Island lebt. Mit zwei meisterhaften Erzählungen von Halldór Laxness („Ein kapitaler Irrtum im Westwald“, der Beschreibung einer Verirrung im Nebel; „Ein Vogel auf dem Zaunpfahl“, dem sinnigunsinnigen Testament eines alten Mannes, der gar nicht wenig von Laxness selber hat) ist es in der Anthologie präsent. (Wann wird ein deutscher Verlag Laxness’ zeitkritische Saga-Parodie „Gerpla“ herausbringen?) Mit den Maßstäben, die Laxness setzt, die einundzwanzig anderen Erzähler der Sammlung messen, hieße sie überfordern. Doch läßt sich viel Lohnendes entdecken. An der Stoffwahl. scheiden sich die Generationen. Die vielfach auch ins Deutsche übersetzten Romanciers aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts (Gudmundur Kamban, Gunnar Gunnarsson, Kristman Gudmundsson) bevorzugten historische Stoffe der isländischen Vergangenheit. Kamban, selbst ein großer Meister auf diesem Gebiet, vor allem in seinem Romanepos um den Bischof von Skálholt, nennt in seiner Erzählung „Besuch in Reykjavik“ das Problem beim Namen: „Unsere Dichter schreiben Meisterwerke, aber sie schreiben immer im Plusquamperfektum.“ (Wenn der Herausgeber in den biographischen Anmerkungen mitteilt, daß Kamban 1945 von dänischen Widerstandskämpfern erschossen wurde, fehlt die entscheidende Klarstellung: irrtümlich.) Die nächste Generation hat sich von dieser beständigen recherche du temps perdu frei gemacht. Eindrucksvoll sind die exotischen Milieuschilderungen Thor Vilhjamssons (1925): Geschwätz einer zusammengewürfelten Gruppe junger Künstler, Anarchisten, Intellektueller, Animiermädchen, das zwar inhaltlich ergebnislos zerrinnt, aber als Stimmenkonzert jeden Einsatz persönlich profiliert. Der Herausgeber hat eine sachkundige, dankenswerte Arbeit geleistet, auch wenn seine literarischen Wertungen etwas hölzernschablonenhaft ausfallen. Laxness’ Roman „Islandglocke“ erschien deutsch erstmals 1951, nicht 1965. (Horst Erdmann Verlag, Tübingen, 1974; 447 S., 22,– DM.) Anni Carlsson