Die Pariser Energiekonferenz soll das Weltwirtschaftschaos verhindern

Von Rudolf Herlt

Bei uns und den anderen westlichen Ländern breitet sich das Gefühl aus, daß es eine wirklich ernste Energiekrise gar nicht mehr gibt. Schließlich sind die düsteren Prognosen nicht eingetreten, die in den ersten Wochen nach dem Ölpreisstopp im Herbst 1973 feilgeboten wurden. Weder Italien noch England haben den Offenbarungseid geleistet. Das Währungssystem ist nicht zusammengebrochen. Entgegen allen Unkenrufen haben die arabischen Ölländer innerhalb kurzer Zeit sehr viel mehr Geld für Einkaufe in den Industrieländern ausgegeben, als gemeinhin erwartet wurde. Europas ölvorräte reichen heute für sechzig bis neunzig Tage. Der Ölverbrauch in der Bundesrepublik ist um 10 Prozent, der Öl-Einfuhrbedarf in allen Industrieländern um 6 bis 8 Prozent zurückgegangen. Ein neues Ölembargo schreckt nicht mehr so sehr wie einst.

Ob es für diese Selbstgefälligkeit wirklich gute Gründe gibt, wird sich bald erweisen. In Paris hat diese Woche der Dialog der ölverbrauchenden mit den ölexportierenden Ländern begonnen. Es sind drei Gruppen mit verschiedenen Interessen, die dort an einem Tisch sitzen. Die Vereinigten Staaten, die Europäische Gemeinschaft und Japan sprechen für die Industrieländer; Algerien, Saudi-Arabien, Iran und Venezuela für die in der OPEC zusammengeschlossenen Ölexportländer; Brasilien, Indien und Zaire für die Entwicklungsländer.

Das Ziel dieser Vorkonferenz sieht auf den ersten Blick bescheiden aus. Es soll vereinbart werden, wann und wo die Hauptkonferenz stattfindet, wer daran teilnimmt und worüber gesprochen werden soll. Doch die Themen stecken voller Zündstoff. Noch ist, wie es der Guardian formulierte, nicht klar, was die Pariser Konferenz wird: ein Meilenstein auf dem Weg zu einer neuen Weltwirtschaftsordnung oder der Mühlstein am Halse der alten.

Die westlichen Industrieländer und Japan, die wichtigsten Verbraucher, sind in diese Vorkonferenz ohne gemeinsames Konzept hineingegangen. Der Riß, der von Anfang an das westliche Lager teilte, ist trotz gegenteiliger Beteuerungen nicht gekittet worden. Die Vereinigten Staaten, von Öleinfuhren weit weniger abhängig als die europäischen Länder oder gar Japan, möchten dem Ölkartell durch solidarisches Verhalten aller Verbraucher gern gewisse Preissenkungen abtrotzen. Gleichzeitig wollen sie einen unter dem jetzigen Preis liegenden Mindestpreis vereinbaren. Außenminister Kissinger und sein Staatssekretär Enders, der den Plan entwickelt hat, möchten verhindern, daß ein Preissturz beim Öl die Suche nach neuen Energiequellen unrentabel macht und zum Erliegen bringt. Washington hätte deshalb gern zunächst alle Verbraucherländer auf eine gemeinsame Linie eingeschworen.

Dazu war vor allem Frankreich nicht zu gewinnen. Präsident Ford und Staatspräsident Giscard d’Estaing fanden Kompromißformeln, ohne die sachlichen Gegensätze auszuräumen. Als sich achtzehn Verbraucherländer zur Internationalen Energieagentur zusammenschlössen, blieb Frankreich abseits. Wenngleich aus Kreisen der Bundesregierung zu hören ist, daß die Mitarbeit Frankreichs bisher trotzdem gar nicht so schlecht sei, hat der französische Alleingang die Verhandlungsposition der Verbraucherländer nicht eben gestärkt.