Frankreichs 36 432 Bürgermeister warten gespannt auf einen neuen Kollegen: Zum erstenmal soll Paris ein gewähltes Stadtoberhaupt bekommen. Als wohl einzige Hauptstadt der Welt mußte es sich Paris bisher gefallen lassen, daß die Regierung einen hohen Beamten als ersten Bürger ins Rathaus abkommandierte. In zwei Jahren, so will es der Staatspräsident, soll mit dieser Bevormundung Schluß sein.

"Die Hauptstadt gehört der Regierung proklamierte vor 100 Jahren Baron Haussmann, einer der großen Pariser Baumeister. Nur in den Jahren der Großen Revolution, von 1789 bis 1794, besaß Paris eine wirkliche politische Autonomie. Seitdem herrscht ein Präfekt über die 20 Arrondissements – und er steht unter der Fuchtel der Regierung.

Als Giscard sich vor einem Jahr um das Amt des Staatspräsidenten bewarb, da versprach er hoch und heilig, die Pariser dürften bald einen Bürgermeister wählen, der diesen Namen wirklich verdient. Bisher gab es unter dem allgewaltigen Präfekten (und einem Polizeipräfekten) zwar einen "President", doch er amtiert als erster Stadtrat nur ein Jahr, ist weder von den Bewohnern der Stadt gewählt, noch hat er echte Kompetenzen.

Im Grunde war der wahre Bürgermeister, der über die 2,5 Millionen Pariser herrschte, stets der Staatspräsident. Die offizielle Devise hieß: Das Elysée befiehlt, Paris hat zu folgen. Seit 1958 wurde dieses einseitige Machtverhältnis nicht einmal ernsthaft in Frage gestellt, weil der Stadtrat stets eine rechte Mehrheit hatte und so dem Elysée nicht zu widersprechen wagte.

Georges Pompidou demonstrierte seine Macht über die Metropole vor allem durch einsame städtebauliche Entschlüsse. Auch Giscard machte da in den ersten zwölf Monaten seiner Amtszeit keine Ausnahme. Nur entwickelte er andere Vorstellungen als sein Vorgänger – und annullierte vor allem dessen Entscheidungen.

Das deutlichste Beispiel für die Ambitionen des Kommunalpolitikers Giscard d’Estaing ist die Renovierung des Hallenviertels. Seitdem die Markthallen aus dem letzten Jahrhundert abgerissen wurden, standen die verwegensten Projekte zur Diskussion. Doch Pompidou entschied sich ohne große Debatte für ein Konzept, das das Prädikat "offizielle Gigantomanie" wohl verdiente.

Giscard waren Pompidous Ambitionen ein paar Nummern zu groß. Er annullierte sie kurzerhand und stellte die Stadtverordneten wie den Präfekten erneut vor vollendete Tatsachen. Die neue Devise aus dem Elysée: Grünflächen statt Betonsilos. Eilig bestellte Giscard bei einem halben Dutzend Architekten neue Pläne für die Gestaltung des "Bauches von Paris".