Die Wolfsburger Testserie beweist, daß Ausfallerscheinungen bei alkoholisierten Kraftfahrern selbst unter 0,8 Promille nicht Ausnahme, sondern Regel sind. Als Auftraggeber des Testes, bei dem die Informationsstelle „Contra Promille am Steuer“, der Frankfurter Rechtsmediziner Professor Joachim Gerchow, ein Team der VW-Forschungs- und Entwicklungsabteilung und der modernste Fahrsimulator der Welt mitwirkten, fungierte das Bundesministerium für Verkehr; es wollte ausloten lassen, wie sich Kraftfahrer im Bereich unterhalb der bisherigen Promillegrenze am Lenkrad verhalten.

Die Wolfsburger Simulationsanlage besteht aus den drei technischen Einheiten Simulator, Rechner und Ansteuerelektronik. Die Simulatorkabine für den Fahrer ist mit einem Hydrauliksystem um drei Raumachsen bewegbar, dazu kommt noch eine Vertikalhydraulik zur realistischen Darstellung von Fahrbahnunebenheiten.

Auf dem Monitor vor dem Fahrer läuft eine durch Lochstreifen einprogrammierte, synthetische Straße mit Seitenbegrenzung, unterbrochenem Mittelstreifen, Horizont, Leitpfosten und symbolisiertem Baum ab. Pfosten und Baum wurden gewählt, um dem Fahrer Eindrücke von Abstand und Geschwindigkeit zu vermitteln. (Für den Operateur ist ein Kontrollmonitor vorhanden, außerdem kann er sich über Mikrophon sowohl mit dem Probanden als auch mit dem Computersystem in Verbindung setzen.)

Komplexe Verkehrsverhältnisse wie Gegenverkehr und Streßeinflüsse vermag der Simulator allerdings nicht herzustellen, deshalb komplettierten die Tester dessen Ergebnisse durch Meßwerte von anderen Apparaturen. Mit dem Determinator wurden Reaktionsgeschwindigkeit und Koordinationsvermögen, mit einem speziell entwickelten Gerät das periphere Sehvermögen und mit einem Tachistoskop die zur einwandfreien Identifizierung eines Verkehrszeichens benötigte Zeit bei verschiedenen Blutalkoholkonzentrationen untersucht. Außerdem sollte die Wirkung des Alkohols auf die Psyche des Kraftfahrers getestet werden: Jede Testperson mußte mehrmals am Tage und somit bei unterschiedlichem Promillegehalt ein Tier zeichnen.

Im Rahmen des Testprogramms mußten zwölf Probanden an je drei Tagen insgesamt 300 Fahrten über einen „5-km-Kurs“ im Simulator absolvieren, das bedeutete für jeden elf Fahrten ohne, zehn Fahrten mit 0,5 und vier Fahrten mit 0,8 Promille Alkohol im Blut. Jede Fahrt ging über die gesamte Strecke von fünf Kilometern, die jeweiligen Blutalkoholkonzentrationen wurden nach Trinkplänen individuell „eingestellt“.

Bereits bei den ersten Simulatorversuchen zeigte sich deutlich, daß schon im 0,5-Promille-Bereich der Alkohol zum Schnellerfahren stimulierte. Die durchschnittliche Fahrzeit war deshalb fünf Sekunden kürzer, während bei 0,8 Promille die Fahrzeit gegenüber der Testfahrt im nüchternen Zustand 30 Sekunden (das sind knapp 15 Prozent) kürzer war. Nur drei Probanden fuhren bei 0,5 Promille langsamer, während bei der 0,8-Promille-Fahrt alle Testpersonen wesentlich schneller die elektronische Piste bewältigten.

Noch mehr wurden die Tester in einer weiteren Versuchsreihe geschockt, als nämlich je nach Blutalkoholkonzentration Abweichungen von der Fahrbahn untersucht wurden. Die Fahrfehler (Rechtsdrall) waren teilweise so schwerwiegend, daß mit hoher Wahrscheinlichkeit acht von zwölf Testpersonen auf freier Verkehrswildbahn schwere Unfälle verursacht hätten. Nur zwei Probanden kamen ohne Fehler über die Strecke, zwei andere wichen mit 0,5 Promille öfter von der Fahrbahn ab als mit 0,8. Bei allen übrigen verstärkte sich bei 0,8 Promille der Rechtsdrall bis zum mehrfachen völligen Verlassen der Fahrbahn. Besorgniserregend zeigte sich auch der Alkoholeinfluß bei Abweichfehlern nach links. Fast ohne Fehler fuhren zwei Testpersonen, zwei weitere hielten sich bei der mittleren Alkoholkonzentration länger links von der Mitte als beim hohen Promillegehalt. Ein mit 0,5 Promille vorbelasteter Proband fuhr ganze 3,6 Sekunden viereinhalb Meter links von der Fahrbahnmitte, bei 0,8 kam er sogar auf 9,1 Sekunden Abweichzeit.