Von René Drommert

Was ist das eigentlich: ein weißer („wirklicher“) Briefumschlag, leicht zerknittert und verschmutzt und mit ein paar Fingerabdrücken verfleckt, mitten auf ein schwarzes Papier geklebt, das mit einem Kreidestift unschön bekritzelt ist? Ein Jux? Der verspielte Mutwille eines Kindes? Ein Bluff? Zunächst: Wir sehen dieses eigentümliche Gebilde reproduziert in dem Buch von

Werner Schmalenbach: „Antoni Tàpies – Zeichen und Strukturen“; Propyläen Verlag, Berlin, 1974; 160 S. mit 71 Farbtafeln, Leinen 128,– DM.

Werner Schmalenbach macht durchaus und mit großer Verve ernst damit. Dies eine Blatt ist ein Teil des großen Komplexes, das der Interpret ein andermal schlicht „Zeichnungen“ nennt und das er deutet vor dem allgemeinen Hintergrund, den man Zeitgeist nennen könnte oder besser Zeit-Ungeist. Dieser Hintergrundist die „moderne Zivilisation mit Rationalität und Technizität, mit ihrem gigantesken Glanz in Chrom und Stahl und mit allem, was ihr den Anstrich des Inhumanen verleiht“. Gegen diesen Ungeist ist das Oeuvre von Tàpies, zur arte povera gehörig, von A bis Z ein Protest, wenn nicht gar eine Provokation. Allerdings ist der Protest kein diffuser Allerweltsprotest, er ist spezifisch. Es ist, so lesen wir, eine humane und stille Kunst, die Bilder sind „schweigsam“, das Werk repräsentiert die „Macht der Machtlosigkeit“, sein Charakter ist durch Demut gekennzeichnet und Armut, ein franziskanischer Gedanke liegt der Arbeit dieses Mannes, der von Miró, Klee, Dubuffet und Fautrier inspiriert wurde, zugrunde. Ein Fetzen Papier, ein oft braunes, manchmal sogar gewelltes, oder ein Zeitungspapier, mit ein paar (unschönen) Strichen, Kreuzen, Klecksen versehen, weit weg von allem Glänzenden und Bunten: ein namenloser und unsäglicher Widerstand gegen alle Eitelkeit und Äußerlichkeit, gegen Unmenschlichkeit und, politisch gesehen, gegen alle Gewalt der Herrschenden.

Natürlich erhebt sich spätestens hier, beim Hinweis auf die Politik, die Frage, ob nicht Schmalenbach, verzückt, in Tàpies vieles hineininterpretiert, was nur seiner eigenen Verzückung entstammt, im Werk des Katalanen (in Barcelona 1923 geboren und dort lebend) aber objektiv nicht nachweisbar ist. Schmalenbach bewegt sich zuweilen in einem Grenzgebiet. Oder hoch oben auf einem Seil. Aber wie der geschickteste Seiltänzer. Er spielt auch zuweilen das gewagte Spiel formaler Widersprüche und unkontrollierbarer Assoziationen, ohne immer zu gewinnen. Dennoch, die Interpretation dieser schwer zu begreifenden einfachen Kunst muß man mehr oder minder erschöpfend nennen. Es ist nicht recht vorstellbar, daß ein anderer Interpret neue Aspekte zum Wesen dieser Kunst hinzugewinnt. Auch das Buch

„tàpies, Das graphische Werk/L’oeuvre gravé 1947 bis 1972“, Einführung Carl Vogel; Erker-Verlag, St. Gallen, XL + 210 S., 115,– DM

ist in dieser Hinsicht machtlos. Dabei ist es keineswegs ein überflüssiges Buch. Nicht nur, weil es ein anderes Ausdrucksmittel von Tàpies, die Graphik statt der Zeichnung, zum Gegenstand hat. Carl Vogel bringt überzeugend technische, biographische, psychologische, gesellschaftliche Erwägungen ins Spiel; so berichtet er, um nur ein kleines Beispiel zu nennen, von Tàpies’ Abneigung gegenüber modernen Reproduktionstechniken und über seine Distanz zum Industrie-Design. Wer wollte derartige Informationen schon entbehrlich finden?