Von Stephan Lohr

Es war ein Marxist zu ehren, dessen unorthodoxe Qualität vielleicht am besten durch einen Spitznamen, den ihm Dominikanerpatres gaben, dokumentiert wird: „Atheistisches Lamm Gottes“. Die Rede ist von dem im vergangenen Jahr verstorbenen Kunsthistoriker Konrad Farner, der früh schon von der Schweizer KP ausgeschlossen wurde und ein Kenner nicht nur der marxistischen Methode, sondern auch der Bibel und der christlichen Tradition war. Er spornte die Christen dazu an, nach ihrer eigenen Wahrheit zu suchen, besessen von der Vorstellung einer Christen und Marxisten gemeinsamen (konkreten) Utopie in einer vom Kapitalismus befreiten Welt.

Auch die Autoren der von Dorothee Sölle und Klaus Schmidt herausgegebenen Aufsatzsammlung

„Christentum und Sozialismus – Vom Dialog zum Bündnis“; Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1974; 160 S., 10,– DM

sind nicht Repräsentanten der offiziellen Kirche, sondern ähnlich unorthodox wie Farner; Sölle und Schmidt, frühere Mitarbeiter des Kölner Politischen Nachtgebetes, sind die Initiatoren der deutschen „Christen für den Sozialismus“.

Daß der heute so schwierige Dialog, die Suche nach Gemeinsamkeiten, historische Tradition hat, belegt Klaus Kreppel in seinem Beitrag über den Priester und Sozialisten Wilhelm Hohoff, der als Kenner der marxistischen Wertlehre schon 1873 mit August Bebel über die Unvereinbarkeit von Christentum und Sozialismus debattierte, eine rege Korrespondenz darüber auch mit Kautsky und Bernstein führte und von einer antikapitalistischen Perspektive des Christentums überzeugt war.

In einer für christliche Gemüter provokanten Weise untersucht Kurt Marti das Verhältnis von Heiligem Geist und Materialismus. Dabei entdeckt er Vorstellungen eines künftigen Heils, die häufig als Träumerei und Schwärmerei abgetan wurden. Dorothee Sölle versucht den abstrakten Begriff des Ostergeschehens – der Auferstehung – kühn zu konkretisieren, indem sie über die Sprachassoziation „Auferstehung“ – „Aufstand“ zu Aufruhr, Widerstand und Kampf kommt.